B. Die Literaturdenkmäler. 2. Prosadenkmäler. § 49. Carmen ad Deum. 259
als die der Benediktinerregel, Fehler kommen seltener vor. Manche lateinischeWorte sind doppelt wiedergegeben durch Synonyma, 1 ) welche Übersetzungs-weise auch in dem Reichenau-Murbacher Glossar Rd-Jb vorübergehend an-gewendet ist.
§ 49. Carmen ad Deum.
MSD. Nr. 61 u. II 3 , 353—356; Braune, LB. Nr. 11 u. S. 174; Piper, Alt. d.Lit. S. 115, Höf.Epik 3,673L; Kelle, LG. 1,99 f. 340; KÖGEL, LG. 2,471 f., Grundr. 2 S. 148f. — Erster Druck vonDocen, Miscellaneen 1 (1807), 18 f.; Massmann, Abschwörungsiormeln (1839) Nr. 65 S. 53—55.173—175; Faksimile bei Petzet und Glauning V. — Schönbach, Z. f. d. A. 42,113—120.
Der lateinische, in sechs Handschriften überlieferte Hymnus Sancte satorsuffragator 2 ) hat in der Cambridger Liederhandschrift (s. unten) die ÜberschriftCarmen ad deum. Unter diesem Titel geht das Gedicht seit Scherer (MSD.a.a.O.) in der Literaturgeschichte.
In einer der sechs Handschriften, im Cod. lat. 19410 3 ) der MünchenerHofbibliothek, ist der lateinische Text zugleich mit deutscher Übersetzungversehen. Die Handschrift stammt aus Tegernsee, ist in der zweiten Hälftedes 9. Jahrhunderts geschrieben und enthält unter anderm die ahd. GlossenTg 1. Der Kodex war wahrscheinlich zum Schulunterricht bestimmt.
Der Text ist derart eingerichtet, daß auf eine lateinische Langzeile, seltenerauf eine Halbzeile, durch Punkte getrennt die deutsche Übertragung folgt.Die Übersetzung ist wörtlich wie bei einer Interlinearversion, aber, in An-betracht der Schwierigkeit der lateinischen Vorlage, trotz einiger Mißverständ-nisse eine anerkennenswerte Leistung. Die Abfassungsart der Übersetzungist also dieselbe wie die der ambrosianischen Hymnen, nur daß in unsererHandschrift der deutsche Text nicht über, sondern innerhalb des lateinischensteht. Vielleicht aber war er doch in der Urhandschrift — denn unser Textist erst Abschrift einer älteren Vorlage — ebenfalls zwischenzeilig. Das Originalfällt in den Anfang des 9. Jahrhunderts. Die Heimat unserer Handschrift ist,dem Dialekt zufolge, Baiern. 4 )
Der lateinische Hymnus besteht aus 28 trochäischen Achtsilbern, derenjeder in zwei Halbzeilen zerfällt (4 - C -f 4 - ^), welche untereinanderzweisilbig reimen bezw. assonieren und fast durchweg auch alliterieren. 5 )
Die Sprache des lateinischen Gedichtes ist, wie der Versbau, sehr künstlich,geschmückt durch viele seltene (auch griechische) Worte und darum nichtleicht verständlich. Sie stammen aus der Vulgata, aus Virgil und andernlateinischen Autoren, einige sind einfach Glossarien entnommen (glossematisch).Eigentlich besteht der ganze Hymnus aus Vollworten, aus einer Häufung vonbedeutungsschweren Begriffen, die oft noch durch Alliteration und Reimsinnfällig gehoben sind. Diese Stilart war bei den Angelsachsen im Gange,
>) E. Wilken, Germania 20,81—84.
2 ) Nach vier Handschriften herausgegebenvon F. J. Mone, Lateinische Hymnen des Mittel-alters Nr. 269, Bd. 1,365 f.
3 ) Steinmeyer, Ahd. Gl. 4,567 f.
4 ) L. WOllner, Das Hrabanische GlossarS. 134.
5 ) W. Meyer, Der Ludus de Antichristo,Münchener SB. 1882, 1, 89 und GesammelteAbhandl. 1, 214; Wölfflin, Münchener SB.1881,2,1«.
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