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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
Entstehung
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255
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B. Die Literaturdenkmäler. 2. Prosadenkmäler. § 46. Althochdeutsche Glossen. 255

Den Eingang bilden Glossen, deutsche Worte mit lateinischer Über-setzung, wie in den Kasseler Glossen, hauptsächlich Körperteile betreffend.Darauf folgt das Gesprächsbüchlein, deutsche Sätze mit lateinischer Über-setzung, mit den gleichen Anfangsfragen nach Heimat und Herkunft wie inden Kasseler Gesprächen. Der Schreiber war ein Franzose, er schreibt mittel-lateinisch mit vulgärer Beimischung, der deutschen Sprache und Orthographiewar er nicht mächtig und gibt die Worte in französischer Artikulation wieder,daher sie oft sehr entstellt sind.

Es ist ein Sprachbüchlein für einen Franzosen, ein Lexikon notwendigerAusdrücke für einen Romanen, der in Deutschland reist, mit geläufigenWörtern und Phrasen des Alltagsverkehrs, wohl im 10. Jahrhundert abgefaßt.Der Dialekt ist mittelfränkisch mit niederfränkischen Spuren.

Wir besitzen kein althochdeutsches Denkmal, das uns so in das täglicheLeben, in den ganz gewöhnlichen Daseinsverlauf einblicken läßt wie dieseseben für den unmittelbar praktischen Gebrauch zusammengestellte Reise-konversationsbüchlein. Aber von einem praktischen System ist keine Rede.Bei den Gesprächsthemata sind verschiedenartige Personen in Betracht ge-zogen, die Situationen sind nicht typisch, nach der Bedeutung, die sie füreinen Reisenden haben, ausgewählt, sondern oft rein zufällig. Ja, stellenweisegeht der trockene Frageton ins Novellenhafte über. Vieles ist ganz unver-ständlich, da die Beziehungen unklar sind.

Die einzelnen Redeszenen lassen sich nicht leicht abgrenzen, es ist jaüberhaupt kein durchweg einheitlicher Zusammenhang beabsichtigt. Das ersteist eine Begrüßung, wohl zwischen Reisenden, die sich unterwegs getroffenhaben, mit Frage nach Herkunft und Heimat. Dann kommen Fragen nach demBesuch der Messe; Befehl an den Knecht, die Kleidungsstücke zu richten,Schimpfwörter, die glossenartig aneinandergereiht sind; Besprechung miteinem Wirte und seiner Frau, es handelt sich um Essen, Trinken, Schlafen,auch mit besonderer Wichtigkeit über das Nachtlager bei einem Weibe; amSchluß der feierliche Abschiedstrunk zum Gedächtnis Gottes, der Heiligen,der heiligen Maria. Die Personen wechseln. Es sind Reisegefährten (Fahrt-genossen), Herr und Knecht, Knechte unter sich, Herr bezw. Knecht undHauswirte, Mann und Frau. Verschiedene Bildungsstufen lassen sich unter-scheiden: der Umgangston ist höflich, gastfreundlich, fromm, dann dazwischengemein, zuchtlos.

Die ad. Gespräche berühren sich, wie erwähnt, stellenweise mit denKasseler Glossen, besonders in der Eingangsfrage nach dem Woher der Reiseund nach dem Vaterland. Aber der Ton ist verschieden. Jene sind mehreine trockene Wort- und Phrasensammlung, in den altdeutschen Gesprächenlassen sich dramatisch bewegte, dem unmittelbaren Leben entnommenerealistische, ja stark naturalistische Szenen auslösen. Sie bieten ein kleinesKulturbild und zwar ist es das gleiche Leben wie im Ruodlieb. Es findensich auch mehrfach unmittelbar ähnliche Züge: Gesellen treffen sich auf