B. Die Literaturdenkmäler. 2. Prosadenkmäler. § 46. Althochdeutsche Glossen. 249
logischen Realenzyklopädie im Mittelalter. Auch aus den Glossen zu Ald-helms De laudibus virginum ist einiges entnommen und stellenweise stimmtder Vocabularius S. Galli überein mit dem ags. alphabetischen Corpusglossar,das in drei bezw. vier Handschriften erhalten ist*) (hrsg. von Sweet, OldestEnglish texts S. 35 ff.; Wright-Wülcker, Vocabularies Bd. 1 S. 1 ff.). Die Be-ziehungen zu den beiden letztgenannten angelsächsischen Werken machtes wahrscheinlich, daß das Original des St. Galler Vocabularius der angel-sächsischen Glossierungstätigkeit seinen Ursprung verdankt.
Der Inhalt ist sachlich gegliedert in Gruppen über Haus, Ackerbau,Landschaft, Stände, Eigenschaften des Menschen, Körperteile, Naturerschei-nungen, sündhafte Eigenschaften, Jahreszeiten, Tiere, Familienglieder. DieOrdnung ist nicht immer streng eingehalten, besonders am Schluß ist derZusammenhang gestört.
Die Übersetzung verdient kein Lob, denn der Verfasser verstand nichtalle lateinischen Wörter.
Kasseler Glossen (Glossae Cassellanae).Ahd. Gl. 3,9,1—12,23; Braune, LB. Nr. 6 u. S. 173; Piper, Nachtr.S. 9—11; Kelle, LG.
I, 45 f. 306 f.; Kögel, LG. 2,502—506. — Erster Druck von J. G. Eccard, Francia orientalis(1729), tom. 1 pag.853ff.; Graff, Diutiska3,211 ff.; W. Grimm, Abhandl. der Berliner Akademie1848 S. 425—476 u. Kl. Sehr. 3,367—425.
Hs.: Landesbibliothek in Kassel, Cod. theol. 4° 24, 9. Jh., stammt ausFulda. Sie enthält den Text A der Exhortatio ad plebem christianam (s. unten)und unmittelbar darauf folgend von zwei andern Händen auf Bl. 15a—17bdie Kasseler Glossen mit dem Gesprächbüchlein (Beschreibung der Hs.:MSD. 113, 323; Ahd. Gl. 4, 411 f.), abgedruckt Ahd. Gl. 3, 9—13. Der Dialektist bairisch, wie der der Exhortatio A. Das Original ist wohl um 800 verfaßtworden. Das Glossar enthält in sechs Abschnitten sachlich geordnete Glossenüber: 1. Körperteile 9,1—10,14; 2. Haustiere 10,15—43; 3. Hausteile 10,44 bis11,1; 4. Kleidungsstücke 11,2—10; 5. Hausgerät 11,11—42; 6. Verschiedenes
II, 43—12, 23. Eine Anzahl Glossen der Gruppen 1 und 2 stimmen mit demVocabularius S. Galli überein, derart, daß für die Kasseler Glossen und denVocabularius eine gemeinsame Quelle vorauszusetzen ist.
Die Lemmata sind zum Teil nicht rein lateinisch, sondern vulgärlateinisch,einige speziell romanisch, weshalb das Denkmal auch für die romanischeSprachgeschichte von Bedeutung ist. 2 ) Die vulgärlateinischen und romanischenWörter gehörten nicht zu dem ursprünglichen Wortbestand.
Auf die Glossen folgt unmittelbar ein lateinisch-deutsches Gespräch-büchl ein (Ahd. Gl. 3,12, 24—13, 22), gleichfalls in bairischem Dialekt, eineArt Handbüchlein für einen Reisenden aus romanischen Landen, Worte undPhrasen, die notwendig für einen Fremden sind, der wohl lateinisch, abernicht deutsch versteht, geschrieben wie die Glossen lateinisch mit deutscher
') Ahd. Gl. 3, 7 Anm. 6; Kögel, LG. a. a. O.
2 ) Braune, LB. S. 173; Steinmeyer, Berliner JB. 1902 S. 62 f.