B. Die Literaturdenkmäler. 2. Prosadenkmäler. § 46. Althochdeutsche Glossen. 245
Manche Glossen sind in Geheimschrift geschrieben, indem der Vokaldurch den im lateinischen Alphabet folgenden (selten durch den übernächsten)Konsonanten ersetzt ist, also a durch b, e durch /, i durch k, o durch p,u (= v) durch x, z. B. xngfmbchp Ahd. Gl. 2, 62, 49 = ungemacho.
A. Glossare. 1 )
a) Alphabetische Glossare.
Die keronisch-hrabanische Sippe.
Ahd. Gl. 1,1—270 (Sievers); Braune, LB. Nr. 1,1 u. S. 170f.; Piper, Alt. d. Lit. S.70—72;Kelle, LG. 1,44 f. 306; Kögel, LG. 2,426—437; Steinmeyer, Ergebnisse S. 208. — ErsterDruck der Hss. Pa und Ra bei Graff, Diutiska 1,122—279; der Hs. K bei Hattemer, Denk-mahle des Mittelalters 1,131—218, dazu Sievers, Z. f. d. A. 15,119—125.
Dieses älteste und sehr umfangreiche Glossenwerk ist um 750 in Baiernentstanden und dann nach Alemannien gekommen (keronisches Glossar).Später, um 790, wurde es, ebenfalls in Baiern, einer Kürzung unterzogen(hrabanisches Glossar). Die Sippe besteht also aus zwei Gruppen:
1. Das keronische Glossar.
Der Name 'keronisches' Glossar rührt daher, daß es, wie die Benediktiner-regel, einem St. Galler Mönche Kero zugeschrieben wurde. Der Name Kerowar in St. Gallen äußerst selten, die ganze Erfindung stammt von dem St. GallerChronisten J. Metzler (| 1639). 2 )
Daß das keronische Glossar um 750 in Baiern entstanden ist, daraufweisen die in den drei erhaltenen Handschriften übereinstimmenden Dialekt-formen. 3 ) Die drei Handschriften selbst aber sind nicht in Baiern geschriebenworden, sondern in Alemannien. 4 ) Das Original 6 ) muß interlinear abgefaßtgewesen sein. *
terbücher sind also ihrer Abfassung nach eben-falls Interlinearversionen. Oder sie zogen dieGlossen (die lateinischen Wörter mit den deut-schen Übersetzungen) aus einzelnen Schrift-stellern aus und schrieben sie zusammen ohneden Text des betreffenden Werkes: so ent-standen also wörterbuchartige Wortsamm-lungen, die ebenfalls aus Interlinearglossie-rungen hervorgegangen waren.
1 ) Die Interlinearversionen sind als zu-sammenhängende Literaturdenkmäler untenunter einzelnen Nummern behandelt. Es sind:die Benediktinerregel, die Murbacher Hymnen,Carmen ad Deum, die alemann., rheinfränk.,altniederfränk. Psalmen, der as. Psalmenkom-mentar, das Trierer Capitulare, die Predigt inSt. Galler Glaube und Beichte, eine lateinischeInterlinearversion über dem deutschen Text desCredo in Wessobrunner Glaube und Beichte.
2 ) Über den Namen Kero: G. Scherrer,Verzeichniß der Handschriften der Stiftsbiblio-thek von St. Gallen, Halle 1875, S. 340—343;Scherer, Z. f. d. A. 18,145—149; Singer, Z.
f. d. A. 28, Anz. 10,278 f.; Steinmeyer, Real-enzyklopädief.TheologieundKirche 3 10,263f.;derselbe, Allgem. deutsche Biographie 15,646.
3 ) R. KÖGEL, Über das keronische Glossar,Studien zur althochdeutschen Grammatik,Halle 1879 (Grammatik der drei Handschriften),dazu Steinmeyer, Z. f. d. A. 24, Anz. 6,136 bis142; Paul, Lit.Blatt 1880, 3—8; Kögel, Zuden Murbacher Denkmälern und zum keroni-schen Glossar, Beitr. 9,301—360; Kauffmann,Das keronische Glossar, seine Stellung in derGeschichte der ahd. Orthographie, Z. f. d. Phil.32,145—173, dazu Steinmeyer, Berliner JB.1900 S. 70—74; Otto Schenck, Zum Wort-schatz des keronischen Glossars, Diss. Heidel-berg 1912.
*) Steinmeyer, Z. f. d. A. 24, Anz. 6,141 f.
5 ) J. Stalzer, Zu den hrabanisch-kero-nischen Glossen, Zzgcopfasig, Grazer Festgabezur 50. Versammlung deutscher Philologenund Schulmänner, Graz 1909, S.80—90 (überdie Quellen des lateinischen Originals).