244 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
in Pflege und von diesen wurde sie in die deutschen Klöster verpflanzt. 1 )Sie entfaltete sich, wie der gesamte wissenschaftliche Betrieb in den Klöstern,durch gegenseitige Mitteilung. Die Klöster standen, je nach ihren geistigenInteressen und nach den zeitweiligen Beziehungen, in festerer oder raschwechselnder Gemeinschaft. Sie sandten sich gegenseitig Handschriften, auchMönche als Lehrer wurden ausgetauscht zur Unterstützung wissenschaftlicherBestrebungen. So wanderten auch die Glossenhandschriften von ihrem Ent-stehungsort nach verschiedenen anderen Klöstern. Erkenntlich ist dies ander Dialektmischung mancher Glossensammlungen, ja die einzelnen Hand-schriften gleichen Inhalts gehen meist auf nur eine oder wenige Grundhand-schriften zurück. Die Klöster, in welchen die Glossographie besonders blühte,waren St. Gallen, wo sich die betreffenden Handschriften heute noch be-finden; Reichenau, 2 ) dessen Glossensammlungen jetzt in der Hofbibliothekzu Karlsruhe liegen; von Reichenau aus wurde das Tochterkloster Murbachim Oberelsaß beeinflußt (die Hs. der Juniusschen Glossen in Oxford, s. unten);St. Emmeram in Regensburg, Tegernsee, Freising, Benediktbeuern, deren Hss.in die Kgl. Bibliothek nach München gekommen sind; die Glossen in St. Paul inKärnten stammen, wie andere Hss. daselbst, aus St. Blasien im Schwarzwald.Der äußern Anlage nach sind diese Wörterübersetzungen in unsern Hand-schriften verschieden gestaltet: entweder sind die Glossen über dem be-treffenden Wort des lateinischen Werkes (seltener darunter oder am Rande)geschrieben. Da in diesem Fall das deutsche Wort meistens zwischen denZeilen steht, so werden diese Übersetzungen, die größtenteils wörtlich sindmit genauer Wiedergabe der lateinischen Flexion, Interlinearglossen ge-nannt. Auch der ganze Text des lateinischen Werkes kann fortlaufend inter-linear glossiert sein (in ebenfalls mechanischer Übertragung ohne Rücksichtauf den Sinn und den deutschen Satzbau), wofür die Bezeichnung Inter-linearversion eingeführt ist. Oder die Glossen stehen allein, nur das ein-zelne lateinische Wort (bezw. mit Synonyma) und dahinter die deutsche Über-setzung, ohne einen lateinischen Grundtext: das sind Wörterbücher, Glos-sare, die entweder alphabetisch angeordnet sein können (alphabetischeGlossare), oder sachlich (sachliche Glossare), indem die zu einem be-stimmten Wissensgebiet gehörenden (bezw. nach Gegenständen geordneten[Realglossare]) oder aus einem Schriftsteller ausgezogenen Wörter zu-sammenstehen. 3 )
») Christian Leydecker, Über Bezie-hungen zwischen ahd. und ags. Glossen, Bonn1911.
2 ) Reichenau als Ursprung des gesamtenGlossenwesens: Nutzhorn, Z. f. d. Phil. 44,265 ff.
3 )DiespätrömischePhilologiebeschäftigtesich eifrig mit dem Studium der klassischenSchriftsteller, es wurden Kommentare angelegt,in denen einzelne Wörter oder ganze Stellenerklärt wurden. Außerdem aber gab es lateini-
sche Wörterbücher, alphabetische oder solchezu einzelnen Werken. Die deutschen Glossa-toren verfuhren nun ebenso: sie interpretierteneinzelne Schriften durch Beischreiben der deut-schen Übersetzung (Interlinearglossen bezw.-Versionen) oder sie legten Wörterbücher an(Glossare).Zur Herstellung von Wörterbüchernbenutzten sie entweder schon vorhandene la-teinische Glossare, meist wohl in der Art, daßüberdielateinischenWörterdieentsprechendendeutschen gesetzt wurden (wiePa): diese Wör-