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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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240 II- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.

um für einen der Genossen Ava zu rauben, die Tochter des Küsters. Nichtscheuen sie in ihrem verbrecherischen Übermut zurück vor der Heiligkeitdes Festes, vor der Predigt des Priesters und der Andacht der Gläubigen.Zwei Mädchen, Merswind und Wibekin, schicken sie zu Ava. Sie folgt ausder Kirche der Lockung, einer der älteren Gesellen, Bovo, ordnet den Zug,sie reichen sich die Hände und beginnen den Tanz in der Vorhalle desGotteshauses. Führer und Vorsänger ist Gerief. Er singt folgendes Lied:Es ritt Bovo durch den belaubten (grünen) Wald, er führte mit sich Mers-winden die schöne."Was stehen wir, warum gehn wir nicht?" Im Chorüberschreien sie verhärteten Herzens den Gottesdienst. Was im Übermutbegonnen war, wurde ihnen durch das Gericht Gottes zum Unheil: dennTag und Nacht ein ganzes Jahr lang unaufhörlich sich im Tanze drehendsangen sie jenes Lied. Immer aber hüpfte der Kehrreim des Liedes: 1 )Wasstehen wir, warum gehn wir nicht." Und sie konnten nicht ruhen noch denKreis verlassen.

Das Mirakel der Tänzer von Kölbigk wird zuerst erwähnt von Lamprechtvon Hersfeld in den Hersfelder Klosterannalen (begonnen 1074), begegnetin vielen lateinischen Fassungen des 12. und 13. Jahrhunderts, besonders inFrankreich und England (die hier zugrunde gelegte ist der Bericht desTheodericus), und ist dann später oft in deutsche Chroniken aufgenommenworden. 2 ) Für die Literaturgeschichte ist die Erzählung der Begebenheit vongroßer Bedeutung, 3 ) denn wir haben hier die erste, wenn auch lückenhafteBeschreibung eines Volkstanzes mit Reigenführer und Vorsänger 4 ) und denText des dabei gesungenen Liedes. Die lateinischen Worte lassen deutscheFormeln erkennen: ein häufiger Eingang in späteren Volksliedern ist Esreit, es ritt = equitabat; in dem: per silvam frondosam liegt das deutsche'der grüne Wald 1 und die Reime frondosam:formosam können wohl altesgröni: scöni wiedergeben. 5 ) Die beiden ersten Langzeilen bilden ein Reim-paar; jede Langzeile besteht aus zwei Halbzeilen; diese haben je vier Hebungenund gehen aus auf eine haupt- -f- eine nebentonige Silbe (Bövö); die erstenHalbzeilen haben keine Reimbindung. Die Halbverse sind dipodisch gebaut.Der Kehrreim entspricht einer Halbzeile, hat aber lebhafteres Tempo. 6 ) Erwurde jedenfalls vom ganzen Chorus gesungen.

') Regressus, Edw. Schröder a. a. O.S. 128,77; responsorii pars, quae post versumrepetitur, Du Cange-Favre 7,98 b, also Kehr-reim, Refrän.

2 ) Brüder Grimm, D. Sagen Nr. 232.

3 ) Erkannt hat dies Edw. Schröder,DieTänzer von Kölbigk. Ein Mirakel des 11. Jahr-hunderts ", Z. f. Kirchengeschichte 17,94164,wo die weitverzweigte Überlieferung behan-delt ist. Die lateinischen Verse des Tanzliedeslauten Equitabat Bovo per silvam frondo-sam, Ducebat sibi Merswinden formosam.Quid stamus? cur non imus?" Die obenwiedergegebene Fassung des Tanzwunders,

überschrieben Incipit de duodecim sociistoto anno girantibus steht bei Schröderauf S. 126130.

4 ) Uhlands Schriften 3, 392 ff. u. Anm.S. 471 ff.

6 ) Albert Daur, Das alte deutsche Volks-lied, Leipzig 1909, S. 44; mhd. louben, beloubenLaub bekommen, Der walt hat sich belaubetUhland, Volksl. Nr. 134,1, das Gegenteil, sichentlauben, Nr. 68,1, dazu Uhlands Schriften 3,447.545, grün ebda S. 455 f. 549; Edw. Schrö-der a.a.O. S. 151 f.

6 ) Beim Kehrreim waren die Ausdrucks-bewegungen jedenfalls noch stärker als beim