B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. §45. Die Tänzer von Kölbigk. 241
Hier ist ein sicheres Beispiel gegeben, daß der Stoff des altdeutschenTanzliedes episch war, ein Ereignis, eine Szene darstellte. 1 ) Zum Tanzewurden kleine Liedchen erzählenden Inhalts, Balladen, gesungen, oft voneinem Mitglied der Gesellschaft erfunden, aber bekannten Mustern nach-gebildet. Ob die drei Kölbigker Verse ein vollständiges Liedchen ausmachen,ist nicht sicher zu entscheiden, aber doch wahrscheinlich. Gerief, der Vor-sänger, hat es improvisiert und zusammengesetzt aus geläufigen Formeln,hat also gar nichts Eigenes hinzugetan. Denn auch der Kehrreim folgt be-kannten Wendungen, er stimmt in der stilistischen Anlage und nahezu auchim Inhalt überein mit v. 5. 6 des Segens Ad equum errcehet (MSD. II 3 , 303,s. oben S. 110) 'Wes, man, gestä, zu neridestü?' Aber auch der Inhaltdes ganzen Liedchens beruht auf allgemeiner Volksüberlieferung, es ist dasGrundmotiv der Spielmannsgeschichten: der Brautraub. Denn der Berichtdes Theodericus äußert sich folgendermaßen über die Ursache der verwünschtenTanzerei: Tota causa hec erat damnosi conventus nostri, ut uni sodaliumnostrorum in superbia et in abusione puellam raperemus (Edw. Schrödera.a.O. S. 127, 26 f.). Und so kehrt denn auch die Geschichte von einemManne, der durch den grünen Wald reitet und eine schöne Jungfrau mit sichnimmt, die er entführt hat, in dem Volkslied vom Ulinger bezw. vom Adelgerwieder. 2 ) Die einzelnen Inhaltsbestandteile des Bovoliedchens sind' auch hierzu treffen: Gut ritter (Ulinger, Adelger, = Bovo) der reit. .. Str. 1; erschwangsein schöne junkfraw (Fridburg, = Merswinden) hinder in (er entführt sie),er eilet also balde zu einem grünen walde Str. 5. Eine Entsprechungdes Kehrreims wird in dem Lied vom Ulinger nicht zu erwarten sein, da jaein unmittelbarer Zusammenhang beider Gedichte nicht nachzuweisen ist.Doch würde die Situation bei der Entführung im Volkslied vom Ulinger oderAdelger wohl in dem lateinischen Refrän enthalten sein können, denn auchhier begegnet die Aufforderung zum Weitergehen: ach schöne junkfraw, reittfür euch baß! Str. 9. Gleiche Motive in Inhalt und Sprache verbinden beideGedichte, das altdeutsche Tanzliedchen und das im 16. Jahrhundert auf-gezeichnete epische Lied. Durch die lateinischen Verse in dem Mirakel derTänzer von Kölbigk ist also das Bestehen einer deutschen Ballade mit festenFormen für das 11. Jahrhundert bezeugt; und zwar auch dann, wenn diespezielle Aufzeichnung des Theodericus umstilisiert worden sein sollte (Edw.Schröder S. 152).
Einiges erinnert an die mittelhochdeutschen Tanzlieder der höfischenDorfpoesie (Edw. Schröder S. 151 f.). Der Vorsänger, der Gerief des lateinischenBerichtes, wird auch bei Neidhart mit Namen genannt: der des voresingens
Vorgesang, das Bodenstampfen, Lärmen und Bedeutung springen, (an)stürmen auch hier
Springen, vgl. terram pede pulsare, plausus haben, vgl. Virgil, Aeneis VII, 581 insultant
et saltus dare ( plausus = dansinge, plaudere thiasis.
= dansen, Diefenbach, Gloss. 441ab), Edw. ') Edw. Schröder a. a. 0.151.
Schröder a. a. O. S. 128, 75 f. In Hinsicht 2 ) Uhland Nr. 74.
darauf kann insultabat Z.76 die ursprüngliche
Deutsche Literaturgeschichte. I. 16