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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
Entstehung
Seite
239
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B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. §44. St. Galler Spottvers. 239

Das Gedicht ist uns von besonderer Wichtigkeit, da es einer der ganzwenigen Überreste der niederen Volkspoesie aus ahd. Zeit ist. Aber leiderkönnen wir aus dem uns überlieferten nackten Inhalt keine sicheren lite-rarischen Schlüsse ziehen.

Was war das für eine Geschichte? Und wer hat das Liedchen erdacht?Gewiß war es auf ein wirkliches Vorkommnis verfaßt, das etwa jenem ähnlichwar, welches Hugo v. Trimberg im Renner erzählt (v. 15651670), wie demBauernjungen Ruprecht ein heruntergekommenes adliges Mädchen von ihrenVerwandten aufgeschwätzt wird, das ein Kind trägt; oder auch wie Ruodlieb(XVI, Schmeller S. 192 ff.; XVII, Seiler S. 295 ff.) seinen Freund, den Braut-werber, zu seiner Verlobten zurückschickt, um ihr wieder abzusagen, da ererfahren hat, daß sie mit einem Pfaffen ein Verhältnis hatte.

Wem ist der ärgerliche Vorfall passiert? Sind Liubene und StarzfidereLeute höheren Standes odei Bauern? Das letztere nimmt Kögel, LG. 2,164,an. Dann wird man an Neidhart von Reuental und seine Bauernverspottungerinnert.

Der Vers ist wohl von irgendeinem aus dem Publikum ersonnen worden.Es braucht nicht einmal ein Spielmann, ein Dichter von Beruf, gewesen zusein, denn die Freude am Spott und die Fertigkeit, den treffenden Ausdruck zufinden, ist germanische Eigenart (s. oben S. 27. 56 f.). Zur literarischen, reichausgebildeten Gattung erhob diese Volkswitze eben Neidhart von Reuentalin seinen Winterliedern (s. Bd. II dieser Literaturgeschichte), unmittelbarer mitdem Volke in Beziehung stehen aber die, allerdings auch schon kunstmäßiggeformten, Antworten seiner Gegner.

Die Form, ein Vierzeiler, bestehend aus zwei Reimpaaren (die Reimesind rein), also der Vers Otfrids, ist heute noch die einfachste und geläufigstebei volkstümlichen Gedichtchen. Daß erst durch Otfrids Evangelienbuchdiese Strophenart unter das Volk verbreitet worden und dann doch schonum das Jahr 900 in Alemannien populär gewesen ist, ist sehr unwahrscheinlich.Auch dieses Spottliedchen spricht dafür, daß Otfrids Reimvers schon vorseinem Werke im Volke üblich war.

In der St. Galler Hs. 105, 10./11. Jh., ist am Rande der S. 204, einermedizinischen Abhandlung, wahrscheinlich erst um das Jahr 1000 eingetragenein althochdeutscher Langvers, bestehend aus zwei reimenden Halbversen;kurz vorher, auf S. 202, steht schon einmal, von der gleichen Hand ge-schrieben, der erste Halbvers, mit geringen Abweichungen. Eine sicherrichtige Deutung der schwer verständlichen Worte ist bis jetzt nicht ge-funden worden. 1 )

§ 45. Die Tänzer von Kölbigk.

In der Christnacht des Jahres 1021 versammelten sich zwölf junge Männerunter einem Führer vor der Kirche des Ortes Colebecca (Kölbigk in Anhalt),

') Hattemer, Denkmahle des Mittelalters 1, 320a; MOllenhoff, Z. f. d.A. 18, 261 f.;Kögel, LG. 2,165.