238 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
eine bekannte Situation voraussetzt. 1 ) Die Verse mögen wohl deutsche, welt-liche Klosterdichtung sein, denn solche darf für das zehnte und den Anfangder ersten Hälfte des elften Jahrhunderts in St. Gallen vorausgesetzt werden.Gerade die Art der wohldurchdachten gehäuften Hyperbolik spricht gegenvolkstümliche Herkunft, hat dagegen Seitenstücke in der lateinischen Mönchs-dichtung des neunten bezw. zehnten Jahrhunderts, die solche Vergrößerungenliebt, z. B. in dem Gedicht vom Pilz, vom Riesenaal und vom Wunschbock(s. unten). 2 )
§ 44. St. Galler Spottvers.
MSD. Nr. 28b u . n», 155 f.; Kelle, LG. 1,72.329; Kögel, LG. 2,164 f., Grundr. 2 S.69;Hattemer, Denktnahle des Mittelalters 1,409»; Piper, Z. f. d. Phil. 13,337.
Hs.: St. Gallen Nr. 30, 9. Jh. (enthaltend Stücke des Alten Testaments[Vulgata]), auf der ersten, ursprünglich freigelassenen Seite, von jüngererHand als die Handschrift, aber wohl noch im 9. Jh. geschrieben. Die zweiLangzeilen sind nicht abgeteilt und nicht mit Satzzeichen versehen.
„Liubene 3 ) bereitete 4 ) sein Festbier 6 ) und verlobte 0 ) seine Tochter. Dakam Starzfidere 7 ) wiederum, brachte ihm seine Tochter zurück." Ein MannNamens Liubene hat die Gasterei mit dem Trinkgelage zur Verlöbnisfeierseiner Tochter gegeben, aber bald darauf muß er den Schimpf erleben, daßder Bräutigam oder sein Vertrauter, den man Starzfidere nennt, wiederkommtund ihm die Tochter, wohl aus einem wenig schmeichelhaften Grunde,zurückstellt.
') Jagdabenteuer in Dichtung, Mythus undSage: Uhlands Schriften a. a. O.; MSD. II 3 , 131;Kögel 2,185—189.
2 ) Notker hat in seiner Übersetzung undErklärung des Canticum Moysi (Piper II, 616,25) den v. 2 unseres Gedichtes mit geringerAbweichung: sin starchi neläzet in uällenverwendet bei der Erörterung des religiösenGedankens „Gott ist stark, deshalb werdenauch die nicht fallen, die sich an ihn halten".Es mochte ihm also dabei der Eber als Symbolder Stärke — bispelartig — vorgeschwebthaben. Vielleicht hatten die Eberverse derRhetorik überhaupt parabolische Bedeutungund bezeichneten die Stärke, ähnlich wie derLöwe wegen seiner Stärke auf Christus be-zogen wird, z. B. im Physiologus, MSD. Nr. 82Z.2, und zwar hier in einem ähnlichen Bilde:sdser gät in demo uualde un er de jageregestincit, griech. 8zi xEguiarü ev iä> Sqei, Lau-diert, Physiologus S. 229, 7 f. — Starchi ge-braucht Notker im Canticum Moysi, weil es dastheologische Wort ist gegenüber der epischenFormel bald ellin. Auch Otfrid hat eilen nurzweimal und zwar in der Widmung an Ludwig68, also von weltlicher Tapferkeit, und IV, 13,30, wo er den weltlichen Kampfesmut desPetrus hervorheben will.
3 ) Liubene ist abgeschwächt aus Liubwini.
4 ) ersetzen. Zu der Erläuterung in MSD. isthinzuzufügen got. ussatjan, Skeir. II, 22 (Streit-
berg) „aus Verschiedenem zusammensetzen".
b )gruzi. „wohlbereitetes, köstlicheres Wei-zenbier" bedeutet den Verlobungstrunk oder-schmaus, nicht den Hochzeitsschmaus und istnicht bloß ein festliches Vergnügen, sonderndie rechtliche Bekräftigung des Verlöbnisses,wie der litkouf oder winkouf. In Schwabenfolgt auf die Einwilligung zum Verlöbnis die„Stuhlfeste" mit dem „Festwein", dem Ver-lobungstrunk bei der Braut, zu vesten ver-loben, antrauen (Ant. Birlinger, Volksthüm-liches aus Schwaben 2,323 f.; Schmeller l 2 ,775 f.; Schmid, Schwab. Wb. S. 191 u. 517 f.;Herm. Fischer, Schwab. Wb. 2,1444 f.; E. H.Meyer, Deutsche Volkskunde S. 171; Wein-hold, Die deutschen Frauen in dem Mittel-alter l 2 , 383 f.).
6 ) üz geben, aus der munt geben, zu-gleich durch Herausgabe einer Mitgift, derprutigepa, J. Grimm, DRA. S. 429 f.
') Starzfidere s. MSD. und KÖGEL, LG.a. a. O.; Anton Wallner, Z. f. d. A. 50, Anz.32,111 f. Sturz = sterz Schwanz, besondersSchweif der Vögel (sterzmeise,sterzente,bach-sterz, Hugo Palander, Die deutschen Vogel-namen S. 90f. 159.426). Als nächste Bedeutungkann nur festgestellt werden „Schwanzfedernhabend" = „Schweiffeder, Schwanzgefieder".Es ist hier ein Obername, wohl um das kecke,großtuerische Auftreten der betreffenden Per-sönlichkeit zu bezeichnen.