236 II- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
tümliches deutsches Liedchen zugrunde, sondern sie sind zusammengestelltaus solchen Gemeinplätzen. Gerade in jenen bei dem 'Liebesantrag' (§ 40)genannten lateinischen Liedern des 11., 12., 13. Jahrhunderts sind Laub, Vögel,Gras und Blumen Gegenstände des Frühlingsbildes. In der Frühlingsklagedes Mädchens, Nr. 38 der Cambridger Handschrift (bei Jaffe XXIX S. 492 f.)finden sich z.B. alle vier Glieder zusammen: frondes, flores et gramlnaStr. 6, 3 (vgl. auch Str. 2, 3. 4), volucres Str. 3, 2. Die Ruodliebverse sind ge-radezu eine Umdichtung jener Frühlingsdarstellung in eine Grußformel undgehören in den Anschauungskreis der Eingangsverse des Liebesantrags. Dadiese typische Auffassung also aus dem Mittellateinischen stammt, kann auchder poetische Liebesgruß im Ruodlieb nicht als Beweis für das Bestehen einerdeutschen Liebeslyrik in der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts angesprochenwerden, es sind aber hier und in dem Liebesantrag die ersten Anklänge andie Minnelyrik in deutscher Sprache.
In den späteren mittelhochdeutschen Büchlein und Liebesbriefenwurden die einfachen Liebesgrüße zu einer besondern Dichtgattung ausgebildet,in ihrer alten Einfachheit sind die hyperbolischen Wünsche, vom Volk auf-genommen und, oft ins Komische umgesetzt, bis heute bewahrt worden, z. B.So viel Stern am Himmel stehen, so viel Schäflein als da gehen, so viel Vögelals da fliegen, als da hin und wieder fliegen, so viel mal sei du gegrüßt.
§ 43. Aus der St. Galler Rhetorik.
MSD. Nr. 26 u. II 3 , 129—133; Piper, Alt. d. Lit. S. 343; Kelle, LG. 1, 229. 392; Kogel,LG. 2,183—189, Grundr. 2 S. 71. — Ausgaben (s. unten, Notkers Rhetorik): Wackernagel,Altdeutsches Lesebuch 1839,109—112 (Hs. A.); B. J. Docen, Aretins Beyträge zur Geschichteund Literatur 7 (München 1806), 292 f. (Hs. B); Hattemer, Denkmahle des Mittelalters 3 (1849),577 f. (Hs. A u. B), dazu Piper, Z. f. d. Phil. 13, 464—466; derselbe, Die Schriften Notkers I(1882), 673 f. (nach allen drei Hss. A, B, C). — J. Grimm, Z. f. d. A. 4, 506 f. u. Kl. Sehr. 7,159 f.;Uhland, Volkslieder Nr. 131; Uhlands Schriften 3, 61 ff. 145 ff.; Wackernagel, Z. f. d. A. 4,470 f. 6,280 ff.; Fel. Liebrecht, Germania 1, 478 f.; O. Schade, Germania 14,40—47 (unter Be-nutzung einer Niederschrift von Lachmanns Colleg); R. Heinzel, Österreich. Wochenschrift fürWissenschaft 1864, 875 u. Kl. Sehr. S.8; Scherer, Leben Willirams, Wiener SB. 53 (1866), 211 f.;Ludwig von Hörmann, Der heber gät in litun, Innsbruck 1873, dazu Scherer, Z. f. d. Gym-nasialwesen 28,746 f.; B. Schädel, Z. f. d. Phil. 9,93—99; Joh. Stosch, Z. f. d. A. 33,437—439.
Notker hat in seiner Rhetorik (d. i. soviel wie Stilistik) bei der Be-handlung der Elocutio (d. i. der sprachliche Ausdruck) neben den latei-nischen Beispielen aus Ennius und Virgil auch deutsche eingeflochten undzwar zur Erläuterung von zwei Lehrsätzen: 1 ) I. Jeder Ausdruck kann ein-fach oder bildlich sein (pmnis locutio Simplex vel figurata), und zwar giltdies a) sowohl für allgemeine Aussprüche {in sententiis) als auch b) fürindividuelle Darstellungen spezieller Gegenstände (in singulis dictionibus).Für den einfachen Ausdruck gibt er keine Beispiele, wohl aber für die ge-hobene, bildliche Sprache, da es sich für ihn ja um die Rhetorik, nicht umdie gewöhnliche Rede handelt. Die bildliche Sprache ergötzt aber auch durchdie Zusammenstellung gleichklingender Silben und für diese Klangfiguren
') Siehe den lat. Text bei den deutschen Versen in MSD. und bei Piper.