Druckschrift 
Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
Entstehung
Seite
235
Einzelbild herunterladen
 

B. Literaturdenkmäler. 1. PoetischeDenkm. §41. Hirschu.Hinde. §42. Liebesgruss. 235

Die Moral der Fabel vom Hirsch und Jäger ist die Mahnung zur Be-herrschung der Leidenschaften, die Warnung, sich nicht vom Teufel betrügenzu lassen und vor weltlichen Lüsten, hauptsächlich auch vor der nogvela,fiovyda, httor hu.orlu.st, sich zu hüten. Dieser moralische Sinn würde wiederzum Inhalt unserer Verse stimmen. Der Ausgang ist hier nicht erhalten. 1 )Gewöhnlich siegt im Bispel der Jäger, der Teufel, der Verführer. Mag aberhier auch umgekehrt die Tugend triumphiert haben, in beiden Fällen bestehteine Parallele (bezw. Antithese) zu dem lateinisch-deutschen GedichtLiebes-antrag". In der Fabel des Physiologus sind schon die beiden Typen neben-einandergestellt, der tugendstarke Mensch und der in des Teufels Stricke fallendeSchwächling.

Die Entstehung des Gedichtes ist also folgendermaßen aufzufassen: dasweltliche Motiv der Verlockung zur Minne ist gekleidet in das Gewand derTierfabel, in welcher Hirsch und Hinde die Handelnden sind, weil die Moralan die Physiologuserzählung von der autula angeknüpft worden war. Oderumgekehrt: die Tiererzählung von der autula mit der MoralLaß dich nichtgelüsten" wurde in die Form einer weltlichen Verführungsgeschichte gebrachtnach dem Muster ähnlicher vorhandener Gedichte.

§ 42. Liebesgruß.

MSD. Nr. 28 u. II \ 152155; Kelle, LG. 1,280f. 415; Kogel, LG. 1,62.2,139f., Grundr. 2S. 138. Uhlands Schriften 3,261264 u. Anm. S. 355361; W. Wilmanns, Leben und DichtenWalthers von der Vogelweide, Bonn 1882, S. 293; K. Burdach, Z. f. d. A. 27, 354; R. M. Meyer,Z. f. d. A. 29,127ff.; K. Liersch, Z. f. d. A. 36,154157; Ad. Hauffen, Das Bild vom Herzens-schlüssel, Herrigs Archiv 105,10ff. Faksimile: Petzet und Glauning XVIa.

Die vier Hexameter stehen in dem mittellateinischen Gedicht Ruodlieb(s. unten) und zwar zweimal, XVII, 1114 und 6669 (ed. Seiler S. 295 f. 298;Schmeller, Grimm und Schmeller, Lateinische Gedichte des 10. und 11. Jh.,XVI, 1114. 6669, S. 192 ff.). Der Held des Gedichtes sendet einen Freundals Brautwerber an eine Dame (hera), diese trägt ihm als zusagende Antwortdie vier Verse auf (v. 1114), die er dann Ruodlieb zurückberichtet (v. 6669).Der Text ist lateinisch, deutsch sind nur die beiden Reimpaare in der Zäsurund am Versende in den zwei mittleren Hexametern liebes : Loubes, vvunna :minna (dieser Reim auch bei Otfrid ad Hartm. 18).

Derartige Formeln, in welchen die höchst denkbare Zahl von Grüßenoder Wünschen durch Vergleichung mit Naturdingen poetisch ausgedrücktist, waren in der lateinischen Literatur der Karolingerzeit beliebt. 2 ) Wahr-scheinlich stammen sie aus der phantasievollen Sprache des Alten Testa-ments, dessen Vergleichezahlreich wie die Sterne am Himmel, wie derSand am Meer" (Gen. 15, 5. 22,17 u. ö.) den geistlichen Schriftstellern geläufigwaren (s. Liersch a.a.O.). Demnach liegt den Ruodliebversen nicht ein volks-

*) Da die ganze Handschrift, vor allemaber auch die von der gleichen Hand ein-getragenen Randtexte geistlichen Inhalts sind,so wird wohl auch das Gedicht von Hirsch

und Hinde am Schluß eine moralische Wen-dung genommen haben.

2 ) Viele Beispiele aus verschiedenenSprachen und Zeiten in MSD. II 3 a. a. O.