234 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
der ursprüngliche ist und daß somit die deutschen Worte — grouonot gras —nur eine Fortsetzung der lateinischen sind. 1 )
Nach den wenigen dialektischen Merkmalen 2 ) ist die Mundart der deutschenHalbzeilen nordrheinfränkisch oder thüringisch: (Zitate nach Breuls Abdruck)anlautendes th ist unverschoben: thu 5, thir 14, tho 24, thaz 31, th ... 23. 24;d ist geblieben in ridan 18; [hjumele 23, humele 25 für hltnlle; sal 33; her =er 31; z in thaz 31 spricht gegen das Mittelfränkische.
§ 41. Hirsch und Hinde.
MSD. Nr. 6 u. II 3 ,57 f.; Piper, Alt. d. Lit. S. 157, Höf. Epik 3,683; Kelle, LG. 1,216.387;Kogel, LG. 2,189 f., Grundr. 2 S. 70. — Erster Druck von L. Bethmann, Z. f. d. A. 5 (1845), 203 f.;Wackernagel, Altdeutsches Lesebuch 1859,140. — A. Kuhn, Z. f. d. Phil. 1,109 Anm.
Hs.: Burgundische Bibliothek in Brüssel Nr. 8860—67, kl. 8», 76 Bl.,10. Jh., 3 ) lateinische Gedichte enthaltend; am Rande von Hs. 8862 Bl. 15bstehen von einer Hand des 11. Jhs. unsere Verse. Sie sind mit Noten versehen,das Gedicht war also zum Singen bestimmt.
Wenn die Handschrift, wie wahrscheinlich ist, aus St. Gallen stammt (daam Rande von Bl. 74b—76a eine mit Neumen versehene lateinische Sequenzauf den in St. Gallen verehrten heiligen Otmar geschrieben ist), dann sinddie Verse, wie die der Notkerschen Rhetorik, Zeugnis dafür, daß daselbstdie deutsche Dichtung Beachtung fand. Sie sind, wie die Verse vom Eber,ein Stück Kleinigkeitsdichtung und gehörten, wie jene, zu der im zehntenund elften Jahrhundert so beliebten Gattung der Tiergedichte.
Die anderthalb erhaltenen Verse leiten eine Verführungsgeschichte inallegorischem Gewände ein. Der Liebhaber — der Hirsch — raunt demMädchen — der Hinde — etwas ins Ohr. Das Gedicht kann nicht umfang-reich gewesen sein, die wenigen Worte deuten schon den Hauptpunkt desGanzen an. Es hatte Endreim. 4 )
Runen, in daz öre rünen, in diu ören rünen, vom Liebesgeflüster und zwar oftunmittelbar in verfänglichem Sinne, ist im Mittelhochdeutschen häufig belegt:Neidhart 45,23.90,5; Konrads Trojanerkrieg 10132; Salomon und Morolfed. von der Hagen und Büsching 2521, Rennaus 93. Ein Bispel Suchensinnswarnt die Frauen vor dem ören rünen 5 ) und erinnert dadurch an unser Ge-dicht, daß die Moral an die Erzählung vom Hirsch und Jäger anknüpft. Dasahd. Gedicht von Hirsch und Hinde scheint danach eine der verschiedenenVariationen von dieser im Mittelalter sehr beliebten Fabel gewesen zu sein.Zugrunde liegt die Tiergeschichte vom äv&6?.oyj, lat. antula, im deutschenPhysiologus autula. 6 )
l ) Über die Natureingänge in der mhd.Liebeslyrik s. Band II unter Minnesang.*) MSD. I 3 S. XIV u. II 3 , 104.
3 ) Beschrieben von L. Dümmler, NeuesArchiv für ältere deutsche Geschichtskunde4,155 ff.
4 ) Der gleiche Anlaut in hirez und hin-tun beweist nichts für alliterierende Form desGedichtes, sondern er ist schon durch die
zweigliedrige Formel „Hirsch und Hinde"bedingt; Ehrismann, Z.f. d. Phil. 45,308f.
5 ) Emil Pflug, Suchensinn und seineDichtungen, Germanist. Abhandlungen 32,Bonn 1912, S. 88—90.
6 ) MSD. Nr. 82 Abs. 9 (I 3 , 265 Z. 12 ff.);Friedr. Lauchert, Geschichte des Physiolo-gus S. 31 f. 267. 287 f.