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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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233
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B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. §40. Liebesantrag. 233

Verführungsgeschichten sind ein sehr beliebtes Thema der mittellateinischenLiteratur. Das Muster ist Ovids Ars amandi. So in den lasziven epischenKomödien des 12./13. Jahrhunderts Pyrrus und Alda, Milo und Afra, Pam-philus und Galathea, das Motiv wiederholt sich in verschiedenen Gedichtender Carmina Burana, wovon hier besonders die lateinisch-deutsch gemischtenNummern 145 und 146 (S.216 bei Schindler, Carmina Burana, Lit.Ver. Bd. 16,2. Aufl., Breslau 1883) anzuführen sind; l ) auch das dem unsern unmittelbar vor-hergehende Gedicht der Cambridger Handschrift 'Iam dulcis amica' 2 ) hat den-selben Inhalt. Noch näher zu ihm stehen zwei Komödien der Hrotswitha, weilsie zugleich in der Tendenz mit ihm übereinstimmen, Dulcitius und Calimachus(s. unten), insofern auch hier die Keuschheit einer heiligen Frau siegt über dieVerführungskünste des Mannes. Hier und ebenso in den oben angezogenenepischen Komödien sowie in 'Iam dulcis amica' ist der Liebhaber ein vor-nehmer Herr. Und ein solcher ist gewiß auch in unserm Dialog gemeint.Ein Geistlicher würde unmöglich Weltgüter 3 ) versprechen und überhauptdie ganze sittliche Anlage des Gedichtes spricht gegen einen Kleriker. DerGegensatz von Welt und Gott wäre ja dann in zwei Ständen des Klerusselbst, in den Personen des Geistlichen und der Nonne, dargestellt, wobeider Geistliche das Reich der Welt vertreten würde. Die Idee des Gedichtesist der Dualismus zwischen Welt (v. 20 bei Breul) und Himmel (v. 25) undder Sieg der Askese über die Erdenlust oder des Mönchstums über dieWeltleute.

Das Gedicht ist von großer Wichtigkeit für die Geschichte der altdeutschenLyrik, des Minnesangs. Zwar kann man es nicht das älteste deutsche Minne-lied nennen (Pertz, Abhandl. der Berliner Akademie 1851 S. 222), auch kann esnicht als Beweis dafür angesehen werden, daß es schon im 10. oder 11. Jahr-hundert eine volkstümliche deutsche Liebeslyrik gegeben habe, 4 ) denn es istein Erzeugnis der mittelalterlichen Klerikerdichtung und zwar mit religiöserZuspitzung. Aber es ist lehrreich für die Form der Liebeslyrik. Der Eingangenthält ein typisches Naturbild, das sich ebenso in verwandten mittellateinischenGedichten findet, so in Nr. XXVII. XXVIII. XXIX der Cambridger Lieder beiJaffe S. 490493, und wie es dann, ebenfalls als Einleitung, traditionell invielen späteren Vagantenliedern wiederkehrt. 5 ) Natur und Liebe sind in diesenletzteren wie in unserm Gedicht und in Nr. XXIX bei Jaffe verbunden, derFrühling ist die Zeit der Minne und des Minnesehnens. Aus der Tatsache,daß der Natureingang ein verbreitetes Motiv der mittellateinischen Dichtungwar, ergibt sich für unser Lied, daß der lateinische Text tempus adest

*) Wilhelm Creizenach, Geschichte des i latines du moyen äge, Paris 1847, S. 196 f.neueren Dramas, 2. Aufl. Halle 1911,S. 1642; j 3 ) oder gar 'weltliche Ehre', Scherer,

Wilhelm Cloetta, Beiträge zur Litteratur- \ MSD. II 3 , 104; Kögel, LG. 2,138.

geschichte des Mittelalters und der Renais-sance, Halle 1890, S. 76. 79. 88 ff.

2 ) Jaffe Nr. XXXI S. 494; eine vollständigeFassung bei Du Meril, Poesies populaires

4 ) Über den Ursprung des deutschenLiebesliedes s. obenWinileod" S. 23 f.

ä ) K. Burdach, Reinmar der Alte und Wal-ther von der Vogelweide, Leipzig 1880, S. 161 f.