232 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Die Verse 1 ) sind wenig sorgfältig behandelt, die Reimfreiheit ist zurWillkür ausgeartet. Es mangelt dem Dichter an rhythmischem Gefühl. Auchdie Armut an Reimwörtern zeugt von geringem Kunstsinn. Die beiden Eigen-namen Heinrich und Otdo sind sieben- bezw. dreimal im Reim gebraucht,zweimal mt, je zweimal guodo und eron in den betreffenden Formeln. Dielateinischen Halbverse sind nach deutschem Rhythmus gebaut, d. h. mit freierSenkungsfüllung, freiem Auftakt, auch mit Tonversetzung.
Die Strophen haben drei Zeilen (Str. 3. 4. 5. 7. 8) oder vier (Str. 1. 2. 6).Eine Verteilung der ungleichen Strophen aus Inhaltsgründen ist auch hiernicht zu erkennen.
Das Gedicht De Heinrico vertritt als einziges im Althochdeutschen diepolitisch-historische Gattung. Hier tritt zum erstenmal in der deutschenLiteratur der Spieimannsstil auf. Aber volkstümlich ist das Gedicht nie gewesen,denn es ist ja zur Hälfte undeutsch.
§ 40. Liebesantrag (Kleriker und Nonne).
MSD. II », 104 (Scherer). 106 (Steinmeyer); Jaffe, Z.f. d. A. 14,4941; Piper, Nachtr. S. 225 f.;Breul, Z. f. d. A. 30,190—192; Kögel,- LG. 2,136—139, Grundr. 2 S. 128.
Unter den Liedern der Cambridger Handschrift befindet sich Bl. 438bbis 439a noch ein Gedicht in zur Hälfte lateinischen, zur Hälfte deutschenVersen (wie De Heinrico), in ursprünglich zehn Strophen zu je zwei Langzeilen,deren Halbzeilen reimend bezw. assonierend gebunden sind. Ob das Lateinischeund das Deutsche überall gleichmäßig auf die zwei Halbzeilen verteilt sind,ist zweifelhaft, 2 ) denn nur einzelne, meist unzusammenhängende Wörter sindleserlich, da das Gedicht von einer spätem Hand, wohl wegen des bedenk-lichen Inhalts, wie auch die Nummern 25.37 und 47 der Cambridger Sammlung(bei Jaffe Nr. XXXI. XXXIII und Breul S/191 f. B C) stark radiert ist. Entstandenist es am Ende des zehnten oder in der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts.
Es ist die Aufforderung eines Mannes an eine Nonne zur Minne. „DerFrühling (die Zeit, tetnpus) ist da, das Gras wächst", so leitet er das Gesprächein. „Was soll ich tun?" fragt sie. „Erprobe meine Liebe," antwortet er,„im Walde singen die Vögel." „Was soll mir Philomela? Krist habe ich michergeben" antwortet die Nonne. Er dringt weiter in sie, „Setze dich zu mir 3 )... (liebste) Nonne, erprobe meine Minne, ich werde dir dafür Welt(wonne?) 4 )geben." Sie aber weist auf den Himmel hin: „Der Himmel ist Christi Reich,in Ewigkeit regiert er im Himmel." Das Folgende ist nicht mehr zu ent-ziffern, aber der Ausgang ist klar: jedenfalls siegt die Tugend.
') Zarncke a. a. 0.1874,39; Kögel, LG.2,140—152; Habermann S. 65—77.156—166,dazu Baesecke a. a. O.
2 ) Spätere lateinisch-deutsche Gedichtesind noch enthalten in den Carmina Buranaund zwar bei Schmeller S. 73. 188. 210. 212.216 (zwei Stücke). 275, vgl. auch S. 235 Str. 21.Auch der Bilsener Schlußvers, MSD. Nr. 50 u.Anm. II 3 , 314 f. besteht aus einer lateinischen
und einer deutschen Zeile. Siehe ferner denLiebesgruß im Ruodlieb (s. unten).
3 ) Str. 6 sede a. nie (sede apud nie), vgl.sedeamus Carm. Burana, Schmeller S. 216Nr. 146 Str. 7.
4 ) Vgl. ille uel in dotem mihi mundumsi daret omnem Ruodlieb ed. Seiler XVII, 45.81, S. 297. 298.