230 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
In der Tat war „nach diesem kein weiterer Zwist zwischen ihnen".Heinrich (f 955) erhielt Baiern als Herzogtum, sein Nachfolger war seinSohn, Heinrich IL, der Zänker (955—995), und dessen Sohn war der spätereKaiser Heinrich II.
Die Versöhnung Ottos I. mit seinem Bruder Heinrich am Christtage 941ist der Gegenstand unseres Gedichtes, der Held ist, wie die erste Stropheankündigt, der Herzog Heinrich (L), die Absicht ist, ihn in seiner Bedeutungfür die Reichspolitik gleichsam zum Mitregenten seines kaiserlichen BrudersOtto zu stempeln; verfaßt aber ist es erst zum Regierungsantritt des Enkelsdieses Heinrich, des eben genannten Kaisers Heinrich IL, und hervorgegangenaus dessen Bestrebungen, sich gegenüber den andern Bewerbern, Eckardvon Meißen und Hermann von Schwaben, als den rechtmäßigen Erben derdeutschen Königskrone, den Nachkommen des ruhmreichen Begründers dersächsischen Dynastie, des Königs Heinrich L, darzustellen. Es ist ein politischesTendenzwerk, verfaßt im Auftrag der Partei Heinrichs IL
[Mit dieser Auffassung ist das Ergebnis des in den Beiträgen 29,118—126veröffentlichten Aufsatzes wiedergegeben. 1 ) Aber der historische Hintergrunddes Gedichtes ist viel umstritten. Schon Lachmann (Über die Leiche dermhd. Dichter, Rheinisches Museum 1829, Bd. 3 S. 430 Anm. u. Kl. Sehr. S. 335Anm.) und ihm folgend Scherer in den Denkmälern, Kelle, LG. 1,194 f. undWilmanns, Gott. gel. Anz. 1893, 534, nehmen als Grundlage die Versöhnungvon 941 an, setzen aber die Abfassung des Gedichtes nicht so spät, unterKaiser Heinrich IL, sondern schon um 968 an; ebenso Kögel, LG. 2,132—-136,dieser jedoch unter Beiziehung der Versöhnung von 940, und Seemüller (a. a. O.S. 339—349), der den Anlaß der Abfassung des Gedichtes in den Beziehungenzwischen Otto III. und Heinrich IL dem Zänker im Jahr 984 findet. Zuersthatte Uhland (Schriften 7, 578—581) 2 ) diese beiden Fürsten als Personen desGedichtes aufgefaßt und die Entstehungszeit nach 982 verlegt (doch Otto I.und seinen Bruder Heinrich, Schriften 1, 473—475). H. Meyer (Jahrbuch desVereins f. niederd. Sprachforschung 23,1897, 70 ff.) entscheidet sich für 948(wie schon vorher R. Winter, Heinrich von Bayern, Jenaer Diss., Marienwerder
') Dem Bedenken gegen die Beiziehungder Legende, d. i. der von den historischen Tat-sachen abweichenden Tradition, zur Erklärungdes Gedichtes (Berliner JB. 1903 S.86), ist ent-gegenzuhalten, daß die ganze Geschientschrei-bung des zehnten Jahrhunderts, wo es sichum Stellungnahme für oder gegen eine Personhandelt, gar nicht von der Wahrheitsliebe dik-tiert, sondern der willkürlichen Parteigängereiverfallen ist, ja daß man bei einem politischenGedicht jener Zeit geradezu Fälschung derTatsachen erwarten muß. Wer ferner eine Ten-denz in dem Gedichte in Abrede stellt (Josepha. a. O. S. 198), für den sind die NachweiseScherers MSD. II 3 , 102 f. und Kelles LG. II,194 f. nicht vorhanden und er muß eine solcheauch bei den historischen Quellen, bei Widu-
kind, Hrotswitha, der jüngeren Vita Mathildisausschalten. Endlich ist in der Geschicht-schreibung als ein denkwürdiges, das allge-meine Interesse beschäftigende Ereignis nurdie Zusammenkunft von 941 behandelt, nursie ist unterHervorhebung einzelner Umständegeschildert, ja sie ist sogar von der Dichtung(eben in den Gesta Ottonis der Hrotswitha)noch 25 Jahre später in einer lebensvollen,auf starke Rührung berechneten Szene ver-herrlicht worden. Sie ist ein Erinnerungsstückin der Familientradition gewesen, das abernicht nur aus Pietät bewahrt wurde, sondernmit bestimmten politischen Zwecken dem Ge-dächtnis erhalten blieb.
2 ) Die ganze Stelle reicht von 7,569—581.