B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. § 39. De Heinrico. 229
Art, daß je die erste Halbzeile lateinisch, die zweite deutsch ist (in v. 7. 22 und 27greifen die beiden Sprachen jeweils in die andere Halbzeile über). Nach dendialektischen Merkmalen') ist es von einem Schreiber in der Gegend von Köln,Trier oder Aachen geschrieben (allerdings nicht ganz rein mittelfränkisch) unddorther stammte wohl auch der Verfasser. Die hervorstechenden Dialektismensind: germ. th und d unverschoben (p geschrieben in par 20), aber aus-lautend t in bringt 7, intfieg 18 (intsieg Hs.), mit 19; td in otdo 6. 9.18. 23,t statt th im Anlaut bei tid 26 ; 2 ) t zu 3 verschoben gegen mittelfränkischenGebrauch in den Wörtchen thaz 2. 16, iz 2. 23. 24, uuaz 20, allaz 26, aberdoch geblieben in tid 26; inl. b als v, f, tönende Spirans, in seluemo 8(seine moze Hs.), hafon 25, hafode 20; ausl. g = ch: ig 2; o> u in willicamo12.14, fulleist 25; schwacher Dat. Si. auf -o/z: heron 3; statt des schwachenGen. Si. fem. der starke: thero ewigem thiernun 4; 0 statt e im Verbum'haben': hafon 25, hafode 20; der kontrahierte Infinitiv ze sine = ze sehanne8;3. Si. Präs. Ind. is 26; mt 13.14 im Reim gegen thir8 und auch gi, geschriebenigt in der Verschmelzung sidigimi 14, = ir sind im Munde des sächsischenKaisers Otto vielleicht als niederdeutsche Dialektformen aufzufassen; 3 ) endlichthus 5, fane 15.
Der Dichter war ein Geistlicher, der jedenfalls auch geübt war, latei-nische Verse zu machen. Sein Lied betrifft ein in der Geschichte des zehntenJahrhunderts bekanntes Ereignis. Im Jahr 936 starb Heinrich I., derkraftvolle erste deutsche König aus sächsischem Geschlecht. Das Reich gingnach seiner Bestimmung über auf seinen ältesten Sohn aus ebenbürtigerEhe, auf Otto I., der später der Große genannt wurde. Der zweite Sohnaber, Heinrich, der Liebling der Mutter, der frommen und herrschbereitenKönigin Mathilde, machte bald Ansprüche auf die Krone, da zur Zeit vonOttos Geburt der Vater noch Herzog gewesen, er aber der erste Sohn desKönigs Heinrich sei. Auf eine erstmalige Empörung Heinrichs und darauf-folgende Versöhnung mit Otto 939/40 wiederholte sich bald wieder dasSpiel. Die zweite Versöhnung fand an Weihnachten 941 in Frankfurt statt.Dieser Vorfall ist von der Geschichte festgehalten (Fortsetzung von Reginosv. Prüm Chronik, Liudprand v. Cremona, Widukind) und bald von der Sageromantisch ausgeschmückt worden, nicht ohne Zutun der kaiserlichen Familieselbst. Denn denen unter ihren Gliedern, die zu Heinrich hielten, war darangelegen, das Andenken an seinen Verrat und seine demütigende Buße aus-zulöschen. Es kam hauptsächlich darauf an, die nun begründete herzlicheEintracht der Brüder ins hellste Licht zu setzen. Das tat schon Hrotswithain ihren Gesta Ottonis v. 336—377, wo Heinrich, der edle Büßer, von starkerLiebe überwältigt, das süße Geschenk der Gnade erbittet, die Otto in gütigerFrömmigkeit sofort ihm gewährt. 4 )
l ) Kögel, LG. a. a. O.; H. Meyer, Jahrbuchfür niederd. Sprachforschung 23,1897,89—91;Seelmann ebda S. 99—101.
"-) Franck, Altfränkische Grammatik §198.
3 ) Ehrismann, Beiträge 29,125.
4 ) Die historischen Stellen sind verzeichnetbei Kelle, LG. 1,373—377.