B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. § 38. Ludwigslied. 227
Gott v. 21—26. Ein äußerer Abschluß wird mit v. 26 ebensogut gemacht wiemit v. 41, denn die folgenden Partien beginnen beide Male mit einem Fort-schritt in der Erzählung, der durch den gleichen sprachlichen Einsatz be-zeichnet wird: thö nam her godes urlub 27 — thö nam er skild indi sper 42(vgl. auch reit her thara in Vrankon 28 — ellianlicho reit her 42). — Diedreizeiligen Strophen dienen auch nicht zur Hervorhebung des Inhalts undverleihen demselben nicht einen besondern Nachdruck. Im Gegenteil: mitden kurzen, markigen Sätzen der zweizeiligen Strophen der Kampfschilderungv. 46—49 wird im ganzen Gedichte die stärkste poetische Wirkung erzielt.Mit beabsichtigter Rhetorik wird hier die Lebhaftigkeit des Kampfes durchden sprachlichen Ausdruck gemalt. — Man kann beim Ludwigslied auchbeobachten, wie die dreizeiligen Strophen gewonnen wurden: das Plus desUmfangs gegenüber den zweizeiligen besteht in einer Dehnung des Inhalts,nicht in einer Zufügung neuer Gedanken. In Str. 18 und 19 kann man dieunmittelbare Konzeption sogar verfolgen: die Verse 37. 38 entsprechen genauden Versen 40. 41 mit dem Parallelismus 'am Leben bleiben' — 'sterben'.
Die Beobachtung des Gebrauchs der mehr als zweizeiligen Strophen 1 )setzt am besten am Ludwigslied ein. Der Wechsel findet sich in der Samariterinwie im Ludwigslied mit zwei- und dreizeiligen Strophen, im Georgslied mit vier-,fünf- und sechszeiligen (?) Strophen, in De Heinrico mit drei- und vierzeiligen.Die Verteilung bei ungleichen Strophen ist, wie am Ludwigslied zu sehenwar, willkürlich, jedoch so, daß sie erst anheben, nachdem mehrere Strophenmit der Normalzahl vorangegangen sind, daß sie dann gruppenweise zu-sammenstehen und daß sie den Abschluß des ganzen Gedichts bilden (dieserfehlt in der Samariterin). Dieselbe Verteilung haben auch die in OtfridsKap. V, 19 und V, 23 eingestreuten Refrän 2 ) (die Scherer als Strophen an-gesehen hat, Z. f. d. A. 19,110). Die Freiheit im Strophenbau gehört zur Formder althochdeutschen erzählenden Lieder und ist auch in volkstümlichen Ge-dichten der mittelhochdeutschen Zeit zu treffen. 3 )
Der Rhythmus 4 ) ist frei, zum Sprechvortrag 5 ) bestimmt. Senkungenfehlen oft, auch einige ganz senkungslose Verse kommen vor; dagegen istmehrsilbige Senkung nicht häufig. Der Reimgebrauch 6 ) mit den vielen
') MSD. II 3 , 70. 98 f. 103. 113. 218. 269 f.;Scherer, Z.f. d. A. 19,104 ff.; Neckel, Ger-man.-romanische Monatsschrift 5, 523 f.; Kö-GEL, LG. 2, 94. 99.112.118 f. 131 f.
2 ) Refrän bei Otfrid: Erdmanns AusgabeS. LXVII.
3 ) In der Spielmannsdichtung des 12. Jahrh.lassen sich Strophen von zwei und drei Reim-paaren nachweisen, so besonders im WienerOswald (vgl. Baesecke, Der Münchener Os-wald, Breslau 1907, S. 310 ff.; Ehrismann, Z.f.d. A. 50, Anz. 32,180 f.). Auf volkstümlicherGrundlage beruht auch der Tanzleich Tann-häusers (MSH. II S. 82 Nr. II), der zu 23 Vier-zeilern 2 Sechszeiler hat. Unter den Volks-
liedern bei Uhland wechselt die Strophen-bildung in bezug auf die Verszahl z. B. inNr.74C und D, Nr. 121, Nr. 162, Nr. 281. DerUrsprung der ungleichzeiligen Strophen kannin germanischen Dichtgattungen liegen, in derhymnischen oder gesellschaftlichen Poesie, imTanzlied; aber nicht im epischen Lied, dadieses nicht strophisch gebaut war.
4 ) Kögel, LG. 2,140—152; Habermann,S.6—29.102—115; dazu Baesecke a. a. O.
6 ) Enneccerus, Versbau S. 94 ff., dazuSteinmeyer, Berliner JB. 1901 S. 72.
°) Zarncke, Berichte der sächsischen Ge-sellschaft der Wissenschaften 1874 S. 40.
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