B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. § 38. Ludwigslied. 225
Germanisch episch wie in der Stabreimdichtung ist dieser Stil nicht,denn gerade die allgemein charakteristischen Züge enthält er nicht. SeinEthos liegt in der Kürze, das des Alliterationsstils in der Breite. Nur seltenbegegnen Variationen (v. 5. 32). Die Sätze sind meist knapp parataktischnebeneinander gestellt, oft in Parallelismus oder Antithese. Der Dialog trittgegenüber den erzählenden Teilen zurück, es sind die Verse 23—26 und danndie Anrede v. 30—41. Das Schlachtenbild mit dem vor dem Heer ziehenden,ein heiliges Lied singenden König ist in der germanischen Heldendichtungnicht bekannt und der Kampf wird in jener in einzelnen Motiven ausgemalt(vgl. den Schluß des Hildebrandslieds, Byrhtnoth an verschiedenen Stellen[Grein-Wülcker, 358—373], Finnsburgfragment 30—38 [ebda S. 14—17]),während es hier nur im allgemeinen heißt, daß der Held die Feinde durch-schlagen und durchstochen hat. Vielmehr erinnert das lebhafte Tempo derVerse 48 f. an mittelalterliche Kampfschilderungen wie im Modus Ottinc 33bis 39 *) (MSD. Nr. 22) oder in den Versus über die Schlacht bei Fontanetum(Mon. Germ. Poet. lat. II, 138, 2 f.; vgl. uuxg uuas bigunnan = pugna oritur).Auch die asyndetische Aufzählung mit sum . . . sum 13—18 und 52 paßtnicht zu der Ausdrucksweise in der germanischen Heldendichtung. Wohlaber bildet gerade eine anaphorische Reihe mit sum die Hauptkonstruktionim ersten Merseburger Zauberspruch und auch der zweite besteht großenteilsaus Reihenaufzählung. Parataxe und Reihenbildung ist ja überhaupt für dieder Stabreimepik voraus- und dann neben ihr hergehende primitive Dichtungzu vermuten. Der Dichter des Ludwigslieds wird jedoch zu der ordnenden
bürg, 1904) muß genauer dahin formuliertwerden: sind unmittelbare Beziehungen nach-zuweisen zu dem ganzen Werke oder nur zuder Widmung an Ludwig? Die Gleichungenmit Otfrids ganzem Werke, abgesehen vondenen mit der Widmung, sind gering: GottesKraft Ludw. 55 — Otfr. IV, 34,1; Gottes Willentun Ludw. 39 — Otfr. II, 23, 2; Gott sendetLudw. 33 — Otfr. I, 4,63 beweisen gar nichts,da sie in einem geistlichen Texte selbstver-ständlich sind; rät thühti Ludw. 34 — Otfr. II,12,42 und thö niuuas iz burolang Ludw. 44 —Otfr. II, 3,13 sind allgemeine Phrasen und nichtallein Otfrid eigen; godes holdon Ludw. 36 —Otfr. III, 20,73 kommt später in der Literaturdes 11./12. Jahrh.oftvor (Kraus, Deutsche Ge-dichte des zwölften Jahrhunderts Anm. zu III, 68S. 111 undzuXIII, 89 S. 257), läßt also wiederumerkennen, daß nicht gerade Otfrid der Schöpferdes Ausdrucks gewesen sein mußte; so istauch fräno hinter dem Substantiv Ludw. 46später ganz geläufig, vgl. Kraus a. a. O. zuIX, 21 S. 191; daß Otfrid das Wort eregrehtiLudw. 59 erst aufgebracht habe, ist ebenfallssehr unwahrscheinlich; bleibt der Reim ce-hanton : fianton 53 = Otfr. IV, 1, 9. 12, 12(vigandun im Reim : haptbandun im erstenMerseburger Zauberspruch). Mit diesem Ma-terial ist ein Einfluß von Otfrids Evangelien-Deutsche Literaturgeschichte. I.
buch auf das Ludwigslied nicht zu erweisen.Anders allerdings sind dieÜbereinstimmungenmit der Widmung an Ludwig beschaffen. Siesind häufiger auf verhältnismäßig kleinemRäume und verwandten Anschauungen ent-sprungen. Das Bild beider Könige ist das-selbe, aber es ist eben der zeitgemäße Fürsten-typus, und da das Porträt das gleiche ist, somüssen auch die einzelnen typischen Zügesich wiederholen. So ist auch durch die obigenParallelen eine unmittelbare Benutzung vonOtfrids Widmung durch den Dichter des Lud-wigsliedes nicht sicher bezeugt. Zudem gabes gewiß eine ganze, reich gepflegte Gattungvon enkomiastischen Fürstengedichten, diealle in demselben Gedankenkreis sich be-wegten, von welchem eben Otfrids Widmungund das Ludwigslied nur die zufällig übrig-gebliebenen deutschen Exemplare sind. Damitnun ist der G r u n d s a t z festzustellen, daß Wort-und Formelgleichungen nur dann als Beweis-mittel für Abhängigkeit eines Schriftstellersvon einem andern gelten können, wenn sieentweder in großer Menge auftreten oder ganzeigenartig sind; unter allen Umständen abermüssen die inneren Bedingungen, unterdenen die beiden Werke stehen, genau fest-gestellt sein.
*) Vgl. Heinzel, Kl. Sehr. S. 12.
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