B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. § 38. Ludwigslied. 221
uuolder 43. Das Possessivpronomen unser hat im Acc. Sing. fem. die Kurz-form unsa 38; endlich ist auffällig der Acc. Plur. hiu = iiich 32 (MSD. II 3 , 73).
Die Verschiebung des t in thaz, des p in hilph, sigikamf zeigt, daßdie Mundart nicht mittelfränkisch, sondern rheinfränkisch ist. Die Er-haltung des j und das ä in fräno 46 aber sind altsächsische oder altnieder-fränkische Eigenheiten und unklar ist, wie diese sich zu dem rheinfränkischenGrundstock verhalten. Möglicherweise rühren sie von einem andernSchreiber her.
Die Abfassungszeit des Liedes läßt sich aus dem Inhalt genau be-stimmen. Die Normannenschlacht bei Saucourt, die es besingt, fand am3. August 881 statt. Der Sieger, zu dessen Preis es gedichtet ist, der junge KönigLudwig III. vonWestfrancien, starb schon ein Jahr darauf, am 5. August 882.In dem Gedicht tritt er als Lebender auf (v. 1. 2. 6. 57—59), folglich mußes bald nach den Ereignissen abgefaßt worden sein, ja man darf annehmen,noch unmittelbar unter dem Eindruck des Sieges selbst. Die Aufzeichnungin der Valencienner Handschrift fällt noch ins 9. Jahrhundert, aber nach demTod Ludwigs III., denn die lateinische Überschrift Rlthmus teutonicus depiae rnemoriae Hluduico rege filio Hluduici aeque regls redet von Ludwigfrommen Angedenkens.
Geschichtlicher Hintergrund. 1 ) Der erste König des westfränkischenReichs nach der Teilung der karolingischen Monarchie, Karl der Kahle,herrschte von 843—877. Ihm folgte sein Sohn Ludwig der Stammler, deraber nur zwei Jahre regierte, 877—879 (er starb am 10. April 879, erstdreiunddreißigjährig). Seine Söhne, Ludwig III., der Held unseres Liedes,und Karlmann (| 884) wurden im September 879 zu Königen gekrönt undteilten das Reich, wobei Ludwig den nördlichen, Karlmann den südlichenTeil erhielt {thaz gideilder thanne sär mit Karlemanne 7). Beim Todseines Vaters war Ludwig also erst 14—16 Jahre alt (kind uuarth her fater-lös 3). Während er bei der Belagerung von Vienne in Burgund, wohin er•seinem Bruder zu Hilfe gezogen war, aus seinem Reiche abwesend war,fielen die Nordmannen (Dänen) in Belgien und das nördliche Frankreichein. Er zieht sofort zum Schutze des bedrängten Landes und befreit esdurch den entscheidenden Sieg bei Sathalcurtis (Saucourt, DepartementSomme in Nordfrankreich, dem französischen Flandern). Dieses für dasFrankenreich so wichtige Ereignis ist auch im Westreich besungen und unterEinwirkung sagenhafter Züge zu dem kleinen altfranzösischen, als Bruch-stück erhaltenen Epos Gormond und Isembart 2 ) ausgestaltet worden.
Inhalt. I. Einleitung v. 1—8. Allgemeine Eingangsformel (v. 1. 2);Vorgeschichte Ludwigs: Kindheit, Erziehung, Regierungsantritt mit seinemBruder Karlmann (v. 3—8).
*) MSD. II 3 , 75—78 (nach Dümmler); ! 2 ) Gröbers Grundriß II, 1,466 f.; Vo-
E. Dümmler, Geschichte des ostfränkischen i retzsch, Einführung 2 S. 193—196.Reichs, Bd.2 (1865), 152ff.; Kelle, LG. 1,366f. |