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222 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts
II. Hauptteil v. 9—54. a) v. 9—26. Einfall der Heiden, Buße der Franken(v. 9—18); Gott fordert den abwesenden Ludwig zum Kampf gegen dieHeiden auf (v. 19—26).
b) v. 27—41. Ludwig erhebt die Kriegsfahne, wird von den Frankenfreudig empfangen (v. 27—30); Ansprache Ludwigs im Staatsrat an seine„Gesellen" und „Kampfgenossen", die Großen des Reichs (v. 31—41).
c) v. 42—54. Marsch gegen die Feinde, die Schlacht.
III. Schluß v. 55—59. Gebet, Dank gegen Gott und die Heiligen, Preisdem König.
In diesem Inhalt wirken drei Stoffgebiete zusammen. 1. Der Grund-stoff, die historische Grundlage, 1 ) ist in folgendem Schema nieder-gelegt: Als Kind verlor Ludwig seinen Vater (v. 3); er bestieg den Thronin Franken und teilte ihn mit seinem Bruder Karlmann (v. 6—8); die Nord-mannen fallen in Frankreich ein (v. 11. 12); der König ist fern, das Reichin Verwirrung (v. 19); die Nordmannen besiegen die Franken (v. 24); Ludwigreitet nach Frankreich den Nordmannen entgegen (v. 28), wo er von denSeinen längst erwartet wurde (v. 29); dann Staatsrat, Schlacht, Sieg.
2. Diese geschichtlichen Tatsachen sind nun in einer bestimmten Formaufgefaßt (die innere Form) und zwar in epischer Vorstellung. Die Ge-schichte ist zum epischen Lied geworden. Das Schema des epischen Stoffeslautet nun etwa: Der Held, ein junger Königssohn, wird von einem getreuenWaffenmeister erzogen (v. 3. 4); er ist von einem tapfern Gefolge kühnerDegen umgeben (v. 5); da brechen Feinde von jenseits des Meers in seinReich; er muß viel Arbeit leiden (v. 10. 11); er war während dessen selbstauf einem Kriegszug abwesend, sein Reich wird verwüstet, seine Heldenwerden bezwungen (v. 19. 24), da reitet er in sein Land und versammeltseine Getreuen zum Rat, bevor er in den Krieg zieht, und verspricht reichenLohn denen, die ihm folgen (v. 31. 32. 34 [ob hin rätthuhti]. 38. 40. 41); dannfolgt, echt episch, die Kampfschilderung. Das sind lauter epische Motive,die aus der mhd. Heldendichtung wohl bekannt sind.
3. Der auf diese Weise episch geformte Stoff ist unter eine bestimmteEthik und damit unter eine weltgeschichtliche Idee gebracht: er ist demChristentum 2 ) dienstbar gemacht. Das weltliche Heldentum hat hier geist-liche Ziele. Alle Ereignisse sind vom religiösen Standpunkt aus aufgefaßt,alles steht unter der Leitung Gottes, und Gott greift selbst persönlich indie Geschicke der Menschen ein, er redet mit Ludwig, wie er im AltenTestament mit seinen auserwählten Rüstzeugen tut. In dem geschichtlichenBild ist der Kampf der Christen gegen die Heiden, der Sieg des Christentumsüber das Heidentum verkörpert. Die Nordmannen sind die Heiden (v. 11),die Franken sind die Leute Gottes (v. 23), die Gottes Holden (v. 36); dieDännennot ist eine Erprobung des jungen Königs (v. 9 f.) und beim Volk
') Seemüller a. a. O. S. 330—339. 2 ) Heinzel, Kl. Sehr. S. 9 f.