B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. §37. Georgslied. 219
manchen Punkten ab. Am nächsten steht die prosaische Passio SanctiGeorgii. 1 ) Auch ist nicht sicher zu entscheiden, ob eine lateinische Prosa-oder Verslegende zugrunde liegt. Für das letztere sprechen die oben an-geführten Eigenheiten des Hymnenstils.
Die Geschichte*) des Heiligen. Georgios von Kappadokien, von356 bis ca. 363 arianischer Bischof von Alexandrien, wurde von seinenGegnern, den Orthodoxen und Heiden, getötet. In Ägypten bildete sichaus einheimischer Tradition, aus Anekdoten und Wundergeschichten dieälteste Georgslegende, deren früheste literarische Fassung (griechisch) ins5. Jahrhundert fällt. Die berühmteste aber der Taten des Heldenheiligen,der Drachenkampf, der ihn dem Erzengel Michael gleichstellte, gehört nichtzum ursprünglichen Legendenkranz von Georg, sondern ist erst später aufihn übertragen worden. In Osteuropa, Griechenland, Rußland, wurde S. Georgzum Volksheiligen, aber auch ins Abendland verbreitete sich sein Kultus.Im Frankenreich zeugen Stiftungen des 6. Jahrhunderts von seiner frühenVerehrung. In den Literaturen der mittelalterlichen Volkssprachen wird ergefeiert, im Deutschen außer in unserm ahd. Gedicht noch in dem mhd.Epos Reinbots von Durne. Er ist der Patron des Rittertums, das Sinnbilddes christlichen Ritters.
Das Georgslied ist die erste erhaltene deutsche Legende. Die literarischeBedeutung des Gedichtes liegt für uns darin, daß es das älteste und einzigealthochdeutsche Beispiel eines deutschen Heiligenhymnus ist. Hier wie mitdem — verlorenen — deutschen Galluslied sind Ansätze zur Schaffung eineschristlichen Volkslieds gemacht. An die Stelle der germanischen Heldender Volkssage traten die christlichen Märtyrer, die um ihr Seelenheil kämpfen.Nicht nach einer unabwendbaren, den Menschen unverständlichen Notwendig-keit vollziehen sich ihre Geschicke, sondern der Gott der Gnade lenkt sie(die Gnade v. 54 [Braune]), der den vertrauensvoll Bittenden stärkt (v. 10. 55)und dessen Hilfe man durch gute Werke erwerben kann (v. 52). Der Zweckdes Glaubens ist auch hier, das Himmelreich zu gewinnen, und in einerdurch ihre Einfachheit um so stärker wirkenden Antithese von Zeit und Ewig-keit ist die Aufgabe des christlichen Lebens ausgesprochen: Firliez er werelt-rihhi, g'vwan er himilrihhi (v. 5).
') Herausgegeben von W. Arndt, Berichted. sächsischen Gesellschaft d. Wissenschaften26 (1874), 43—70. Zum Verhältnis zwischendem Gedicht und der lateinischen Legendes. Seemüller a. a. O.
2 ) F. Vetter, Der heilige Georg des Rein-bot von Durne. Halle 1 896, S. I— CIX; HeinzelsBesprechung von Kirpicnikov, Z. f. d. A. 27,Anz. S. 256—259, und von Veselovskij, ebda9,259—262; J. Friedrich, Der geschichtlicheheiligeGeorg.MünchnerSB. 1899,2,159—203;J. E. Matzke, Contributions to the history ofthe legend of Saint George, with special re-ference to the sources of the French, German
and Anglo-Saxon metrical versions, Publi-cations of the Modern Language Association17,464—535.18,99-171 (1903 f.), bes. 18,127bis 133; P. Mich. Huber, Zur Georgslegende,Festschrift zum 12. allgemeinen deutschen Neu-philologentage in München 1906, Erlangen1906, S. 175—235; K. Zwierzina, Bemerkungenzur Überlieferung des ältesten Textes derGeorgslegende, Prager deutsche Studien 8(1908), 555—564; derselbe, Die Legenden derMärtyrer von unzerstörbarem Leben, Inns-brucker Festgruß, dargebracht der 50. Ver-sammlung deutscher Philologen in Graz, 1909,S. 130—158 (bes. S. 147 ff.).