B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. §37. Georgslied. 217
stand wird länger verweilt, die Erzählung ist fast in Einzelaufzählung auf-gelöst. Der Satzbau mit seiner Durchführung der Parataxe ist monumental,kurze Hauptsätze sind aneinandergereiht, oft in paralleler Gruppierung, gernmit Anaphora. Das ist nicht der nationale epische Stil, denn der ist aufBreite der Ausführung angelegt. Es ist eine fremde Kunstform, es ist derlateinische Hymnenstil, das Georgslied ist Nachahmung eines lateinischenHeiligenhymnus, deutsch sind nur einige Wiederholungen und Formeln. 1 )Dem entspricht auch der Aufbau der Erzählung, in der von einfachen zuimmer staunenswerteren Mirakeln ansteigenden Taten des Heiligen fort-geschritten wird.
Inhalt und Gliederung. 2 ) I. Eingang, Str. I und II. Die Einleitung ent-hält, entsprechend dem Hymnenstil, den Preis des Heiligen, der das Himmel-reich erworben (v. 5), innerhalb der Erzählung: Georg wird vor Gerichtgeladen, die Höchsten des Reiches versuchen ihn zu bekehren, er aber willnur von Gott Erfüllung seines Gebetes erlangen.
II. Str. III und IV. Da wird er zum Kerker verurteilt, er heilt krankeFrauen, Blinde, Lahme, Stumme und Taube.
III. Str. V. VI. VII. Die Martern. Der Kaiser Tacianus erklärt ihn für einenGaukler, verurteilt ihn zum Tode, aber von dreifacher Hinrichtung (Ent-hauptung, aufs Rad flechten, Verbrennung) ersteht er immer wieder.
IV. Str. VIII. IX. X. Er erweckt Tote und gewinnt die Königin für denGlauben, den Götzen Abollin überwindet er. Da bricht der Text ab.
Durch Kehrreime ist das Gedicht in ungleiche Strophen geteilt. Esergeben sich — wahrscheinlich — Strophen von vier, fünf und sechs Zeilen. 3 )Die Kehrreime sind verschieden lang. In Teil I = Str. I und II (Gerichts-verhandlung) sind sie einzeilig, in beiden Strophen gleich und enthalten eineallgemeine Angabe (Daz giteta selbo der märo gräbo Goriö). In Teil II =
') In der ahd. Reimdichtung lassen sichdrei Stilarten unterscheiden:
1. Der Stil des germanischen epischenLiedes: beim einzelnen verweilend, ausmalend,den Stoff durchgründend; die einzelnen Wörtersind prägnant; wortreich und gedankenreich.Epische Tiefe.
2. Otfrids Stil, der des geistlichen Epos:predigtartig, breit, schleppend, viele Wörtersind ohne Prägnanz; wortreich und gedanken-arm. Epische Breite.
3. Der Hymnenstil, der des geistlichenepischen Liedes: lebhaft, knapp, die Einzel-heiten werden fast nur aufgezählt, die ein-zelnen Wörter sind prägnant; wortarm undgedankenreich. Dramatisch.
2 ) Nach Braunes LB.
3 ) Die Einteilungsversuche von Zarncke(drei-, vier- und fünfzeilige Strophen) können,so ansprechend sie sind, doch nicht als wirk-lich gesichert gelten (Scherer, Z. f. d. A. 19,104—112; Steinmeyer, MSD. II 3 ,98 f.; s. auchLachmann, Über Singen und Sagen, Ab-
handlungen der Akademie der Wissenschaftenzu Berlin 1835, S. 108 u. Kl. Sehr. S. 464.Scherer, der eine Gruppierung von zwei- unddreizeiligen Strophen als möglich annimmt,und Kögel, der sie durchführt (LG. 2, 98 ff.),betrachten die dreizeiligen Kehrreime alsStrophen, die einzeiligen als Strophenteile.Aber Otfrid hat V, 19, worauf Scherer verweist,und ebenso V, 23 die wiederkehrenden Verseselbst von dem laufenden Text unterschiedenwissen wollen und durch Einrücken der Zeilenvon diesem getrennt. Daß im Georgslied diewiederkehrenden Verse als Refrän zu fassensind, geht daraus hervor, daß sie immer amAbschluß eines zusammenhängenden Ereig-nisses, eines Wunders, einer Folter, stehen. Siewurden auch im Vortrag von den erzählendenPartien abgehoben und zwar dadurch, daß derfortlaufende Text von einem einzelnen Geist-lichen oder von einem Chor, der Refrän aberals Responsorium von einem antwortendenChor, der ursprünglich oft aus Laien bestand,gesungen wurde.