216 H. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Nicht fern von dem Kloster auf der Insel Reichenau gründete Abt Hatto III.im Jahr 888 die St. Georgskirche, eine dreischiffige Säulenbasilika, die hundertJahre später mit den noch jetzt zum Teil erhaltenen Fresken geschmücktwurde, in welcher als Reliquie das Haupt des Märtyrers aufbewahrt wurde.Aus diesem Reichenauer Kult des heiligen Georg ist aller Wahrscheinlichkeitnach unser Gedicht hervorgegangen. Dazu paßt auch die bisherige Datierung,nach der es um das Jahr 900 abgefaßt worden ist. Wie Sanctus Gallus,der Patron des Nachbarklosters, seine Lobgesänge erhielt, so wurde auchder heilige Georg an der ihm geweihten Stätte, in dem mit St. Gallen rivali-sierenden Reichenau, poetisch verherrlicht.
Man hat die orthographischen Seltsamkeiten und Fehler im Texte desGeorgsliedes aus dem Unvermögen des Abfassers, deutsch zu schreiben,erklärt. 1 ) Aber wie sollte ein in der Orthographie Ungeübter, der nach demGehör schrieb, zu einer solch unnatürlichen Wiedergabe der Sprachlautekommen, sich so überflüssige Mühe machen, wie sie z. B. die hyper-trophische Anbringung des h erforderte? Und wie hätte er, der Anfänger, dieseSchwierigkeiten mit einem gewissen Prinzip durchführen können? Um nurEines herauszuheben: jene h sind in dem dreimaligen uhffherstuont (bezw.uhffher-stan) alle drei Male gleich angebracht. Nicht 'rohe Verunstaltungder Worte' sind diese Lächerlichkeiten, sondern im Gegenteil, Künstelei,raffinierte Verschnörkelung (auch die Massenpunktierung dient dazu), Über-treibung eines an sich schon verschrobenen Schreibstils, wie es der Murbacherwar. Daraus ist die große Fehlerhaftigkeit zu erklären. Es war schwierig,eine solche Wirrnis zu entziffern, der Schreiber mußte peinlich Wort für Wortseine Vorlage kopieren, die auch sonst wohl in den Schriftzügen und durchAbkürzungen nicht leicht zu lesen war. Denn daß er aus dem Gedächtnisgeschrieben habe, ist durch nichts erwiesen (die Zeilenumstellungen, Wieder-holungen und Auslassungen können aus der Vorlage stammen oder selbstbeim Ablesen derselben vom Schreiber verursacht sein); man kam zu dieserAnnahme eben aus der Entstellung des Textes in unserer Handschrift. Erwar also wohl nicht überhaupt ungeübt im Schreiben, sondern nur ungeübt imLesen und Schreiben dieser Orthographie. Das resignierte oder verzweifeltenequeo, womit Wisolf seine Tätigkeit plötzlich aufgibt, drückt aus, daß er nichtmehr imstande ist, die Schreiberei seiner Vorlage zu verstehen und zu kopieren.
Die Umstände der Einzeichnung, welchem Kloster Wisolf als Mönchangehörte, aus welchen Gründen das Lied in solcher Gestalt in die vornehmeHandschrift P von Otfrids Evangelienbuch eingetragen wurde, sind nichtfestzustellen.
Die Darstellungsweise 2 ) ist äußerst einfach, rasch folgen sich dieEreignisse, die in knappen Worten angegeben werden, bei keinem Gegen-
^MSD. II 3 , 93; Zarncke a.a.O.; KöGEL, I manischen Philologie, Festgabe für Heinzel,LG. 2,95, Grundr. 2 S. 122; Kelle, LG. 1,186. S. 311—318; Ehrismann, Beitr. 34,177—183.2 ) Seemüller, Abhandlungen zur ger- |