B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. §36. Ratperts Lobgesang. 211
sind die fehlenden Senkungen, vor allem, wo die dritte und vierte Hebungunmittelbar aufeinander folgen, also der Versschluß xx (Gälläs). Es ent-sprechen sich z. B. genau Georg 2 föna dero märkö mit mihhilemo fölköund Gallus 2,1 airsupergunt rectö cum ägtnine coüectö; bezw. xxx, Georgv. 10 nüb er äl gefrämitt des er ze göte digiti und Gallus 6, 4 repetit fe-bricltäns Arbönam Christum süpplicäns. Auch die Freiheiten des Auftaktesfinden im deutschen Rhythmus ihre Entsprechung: Georg 3 füor er zedemo ringe, Gallus 7,1 Presbiter Christo cdrüs. Vor allem aber ist schondie Wahl des Versmaßes, des trochäischen bezw. jambischen Dimeters (zumaldes erstem) auf das deutsche Vorbild zurückzuführen, denn sonst gebrauchtEkkehard nur leoninische Hexameter oder Distichen.
Schwer zu bestimmen ist die Strophenform des deutschen Hymnus.Ekkehard mußte gleiche Strophen durchführen, weil es der Bau der latei-nischen Hymnen verlangte, aber im deutschen Lied waren sie gewiß, wieim Georgslied, ungleichzeilig. Zwischen wie viel Versen die deutschen Gallus-strophen schwankten, ist aus der lateinischen Nachbildung nicht zu erschließen,aber da diese fünf Zeilen bietet, so mögen sie zwischen vier, fünf und sechsZeilen gewechselt haben, ähnlich wie im Georgslied. Über etwaige Kehr-reime, wie sie das Georgslied hat, läßt sich gar nichts sagen.
Eine besondere Wirkung wurde der M e 1 o d i e *) beigelegt, was ja Ekkehardin dem Vorwort hervorhebt. In der Tat sind in den drei Handschriften diesechs ersten Strophen und Str. 7 Vers 1 und 2 mit, abwechselnd roten undschwarzen, Neumen versehen; alle Strophen wurden nach der gleichen Me-lodie gesungen. Die Melodie des deutschen Gedichts wird wohl damit ziem-lich übereingestimmt haben, denn sie kam Ekkehard so vortrefflich vor, daßer sie vor der Vergessenheit bewahren wollte (nach der Überschrift in B:ne — memoriae laberetur). Die Gesangsart der beiden deutschen Hymnen,des Gallus- und des Georgslieds, war jedenfalls kirchlich, von der germanischenweit verschieden und viel reicher ausgebildet.
Gliederung. 2 ) Str. 1. Einleitung im Hymnenstil: Jubel über die Sendungdes Heiligen und Preis Christi, der ihn glorifiziert.
Str. 2—5. Reise Gallus' und seiner Gefährten von Irland zum Bodensee.
Str. 6—13. Hauptteil: Gründung des Klosters St. Gallen, Wunder.
Str. 14—16. Schluß: Tod und Begräbnis des Heiligen.
Str. 17. Hymnische Schlußstrophe.
Die Darstellung hält sich wie im Georgslied in dem einfachen, einzel-gliedrigen, parataktischen Hymnenstil. Aber die Stimmung ist wesentlichverschieden. Die Georgslegende ist ein Erzeugnis der heroischen Zeit desChristentums, die Gestalt des Heiligen ist geschaffen von der überhitztenPhantasie des Orients, die ihn zu .einem Märtyrer mit unzerstörbarem Lebengemacht hat, der dreifachen Tod erleidet und Christus gleich ist in seinen
*) Scherer, MSD. II 3 , 83—85. | '-) Seemüller a. a. O. S. 286—307.
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