208 II- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
2. Gebet des Sigihard.MSD. Nr. 15 u. II 3 , 90; Braune, LB. Nr. 37,2 u. S. 195; Piper, Alt. d. Lit. S. 266 f.; Kelle,LG. 1,187.371; KöGEL, LG. 2,111, Grundr. 2 S. 124. — Gedruckt in den Otfrid-Ausgaben vonGraff S.446, Kelle 1,388, Faksimile Bd. 2 Tat. 5 (am Schluß des Bandes), Piper 'S. 684,Erdmann S. LI f. 1 ) Faksimile außerdem bei Enneccerus 44; Petzet und Glauning VIII.
Die vier Verse stehen am Schluß der Freisinger Otfrid-Handschrift, aufsie folgt dann die lateinische Unterschrift des Schreibers Sigihardus (s. S. 173).Je zwei der Langzeilen sind ein Gebet für sich, als zwei verschiedeneStücke sind sie in der Handschrift selbst dadurch bezeichnet, daß vorv. 3 AL steht, das bedeutet aliter. 2 )
Verfasser war Sigihard selbst, denn die Verse enthalten fast nur Ent-lehnungen aus Otfrids Evangelienbuch: then himilisgon druhttn Otfrid I,11, 54; mit mahtin sehr häufig von Otfrid gebraucht; sines selbes riehtOtfr. V, 4, 53 (riche, himilriche, erdrtche im Reim bei Otfrid s. IngenbleekS. 54, Holzwarth S. 65); druhtin krist eine bei Otfrid sehr geläufige Formel;mit selben, kristes segenon Otfr. III, 1, 1. V, 25, 19. 88, mit thes kruces segononV, 2, 1, in sines fater segana IV, 15, 62; die Reime ewon:wewon unddruhtin: mahtin begegnen ebenfalls mehrfach bei Otfrid (Ingenbleek S. 76. 74;Holzwarth S. 59. 36 f.).s)
Die erste Strophe ist an Gott gerichtet. Sie drückt den Grundgedankenvon Otfrids Evangelienbuch aus: Bitte um die Gnade Gottes zur Erlangungdes Himmelreichs. Die zweite Strophe ist an Christus gerichtet und sagtdasselbe nochmals, aber in negativer Fassung: Vermeidung des ewigenVerderbens durch die Gnade Christi.
Während das Augsburger Gebet ein für die Liturgie bestimmtes Stückist, sind die beiden Strophen Sigihards zwei dem Sinn nach zusammen-gehörende Privatgebete.
Entstanden sind die Reime aus der verbreiteten Schreibersitte, am Ab-schluß des Werkes eine Unterschrift, oft in Versen, anzubringen, die häufigeine fromme Bitte aussprechen. Oft wirken diese Bemerkungen humoristisch,indem der Schreiber in einem Stoßseufzer die Mühsal der überstandenenArbeit kundgibt. 4 ) So der ahd. Schreibervers am Ende der S. GallerJustinushandschrift Nr. 623 (9. Jh.) Chamo kiscreib, filo chumör kipeit (MSD.Nr. 15 b u. II 3 , 90), 'Mit Mühe habe ich fertig geschrieben, noch schwerer habeich es erwarten können'. 5 )
§ 36. Ratperts Lobgesang auf den heiligen Gallus.(Lateinisch von Ekkehard IV.).
MSD. Nr. 12 u. II 3 , 78—85; Piper, Alt. d. Lit. S. 271 f., Höf. Epik 3,704—706 (Hs. A.);Kelle, LG. 1,183f. 370; Kögel, LG. 2,111 f., Grundr. 2 S. 124f. — Älteste Ausgabe: J. Grimm
J ) Über den Abdruck von Gottsched inseinen 'Beyträgen' (1736) S.269 s. J.Crueger,ZA. d.A. 28, Anz. 10, 275 f.
2 ) Sievers, ZA. d.A. 19,145.
3 ) Zur Metrik: Habermann S. 47—50.138bis 141.
4 ) Wattenbach, Schriftwesen \ 285 ff.
5 ) Da der Vers nicht von dem Schreiberder Hs. selbst, sondern von anderer Hand ge-schrieben ist, so bezieht er sich hier nicht aufdie Arbeit des Kopierens, sondern ist nur Feder-probe, s. MSD. a. a. O.