B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. §35. Gereimte Gebete. 207
Stilmittel wirken die Anapher: IIa. 12b; 13b. I4b ; 20a. 20b, und der schonim Urtext gegebene Parallelismus der Glieder.
Das Gedicht ist ein von innerer Erhebung, ja von Ergriffenheit ein-gegebenes Gebet zu Gott dem Allwissenden und Allgegenwärtigen; derRuf eines Mächtigen, der, von Vertrauen zu Gott getragen, sich vor ihmdemütigt. Die dogmatischen Säulen sind auch hier Sünde (bes. v. 16—24)und Gnade (bes. der Schluß 37f.); das Ziel ist das Himmelreich, und dieBitte gipfelt in den Worten: zeige mir den rechten Weg(cheren 7a. 8b. 36b.37b). — Ob der Verfasser außer dem Psalm 138, und doch wohl auch demPsalm 139, noch andere übersetzt hat, ist nicht festzustellen.
§ 35. Gereimte Gebete.
1. Augsburger Gebet.MSD. Nr. 14 u. II 3 , 88 f.; Braune, LB. Nr. 37,1 u. S. 195; Piper, Alt. d. Lit. S.266 f., Höf.Epik 3, 703; Kelle, LG. 1,187.371; Kögel, LG. 2,110, Grundr. 2 S. 124. — Erste Ausgabe vonSchmeller, Aufseß' Anzeiger f. Kunde des deutschen Mittelalters 1833,176; Massmann, Ab-schwörungsformeln S. 52.172. Faksimile: Petzet und Glauning X.
Hs.: K. Bibliothek in München, Cod. lat. 3851, aus Augsburg, gr. 4°,74 BL, 10./ll.Jh., ist im vordem Teil ein Liber poenitentialis (Bußbuch,Sammlung von Bußformeln). Das Gebet steht auf Bl. 2 a, die Verse sindnicht abgesetzt, aber interpunktiert. Geschrieben ist die Hs., einigen darineingetragenen historischen Notizen zufolge, in Westfranken kurz nach 882,muß aber früh nach Augsburg gekommen sein.
Der Dialekt ist rheinfränkisch: th unverschoben: thaz (2mal), thes, thio,thero, thir, thinero, bethurfun, genäthlh; Id nd sind nicht It nt: inlldo,haldo, sundun, bindent, intblnde; g > h im Auslaut: genäthih; auslautendes hist abgefallen: Infaa, t in eigenhaf.
Abgefaßt ist der deutsche Text wohl am Ende des 9. oder Anfang des10. Jahrhunderts. Er setzt die Formgebung Otfrids voraus. 1 )
Die vier Verse sind Übersetzung eines bekannten lateinischen Prosa-gebets, das schon unter den Orationes pro peccatis im Liber sacramentorumGregors des Großen aufgenommen war (Migne 78, 197), öfter in lateinischenBüß- bezw. Meßbüchern sich findet und noch heute in der Liturgie nachder Allerheiligenlitanei und bei Prozessionen gesprochen wird. Der lateinischeText geht in der Handschrift voran, darauf folgt das deutsche Gebet. DieWiedergabe ist sehr genau, jedem Satz der lateinischen Vorlage entsprichtein deutscher Langvers, nur die Halbzeile 2 b mit formelhaftem thes be-thurfun uuir (aus der Kirchensprache) ist der Versfüllung und des Reimeswegen zugefügt und am Schluß das Adverb haldo als Reimwort auf baldo.
Das Gebet erfleht Gottes Gnade um Vergebung der Sünden. Mitdieser Bestimmung gehört es in den Gedankenkreis des Bußsakraments undleitet passend einen Liber poenitentiarius ein.
') Zur Metrik: Habermann S.44—47.133—138.