206 II- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
belegen. Bei Otfrid sind besonders zu vergleichen I, 6,16.17. V, 4, 54. 55;im Georgslied die Wiederholung von v. 26.33.41 im Refrän. Andere, leichtereVariationen begegnen im Psalm noch v. 6b. 7a; 7a. 8b; 8b. 36b; 13a. 14b; 13a.29a; Z u 15b. 35b noch 29; 36b. 37b; Sinnvariationen 16b. 19b. 20b. 21b. 1)
Die Verse 22—24 sind bis jetzt nicht besprochen worden. Sie könnennicht ursprünglich in diesem Zusammenhang gestanden haben, denn inv. 16—21 ist von vielen, von allen die Rede, in v. 22—24 nur von einem.Sie gehören mit zu der Verwirrung der Überlieferung, die schon in den Um-stellungen zu beobachten war und sind eine freie Wiedergabe von Psalm 139,5,wie Scherer, MSD. a. a. O. nachgewiesen hat (Du got scirml = Custodi me,domine). 2 ) Die Veranlassung zu der Einschiebung lag darin, daß die Versesich dem Sinn nach an v. 16—21 = Vulg. Ps. 138,19—22 anschließen: Ichwill, Herr, Deine Feinde hassen, behüte mich vor dem Feinde. Die FeindeVulg. 138,19 sind die peccatores, der Feind v. 22—24 des Gedichts ist derpeccator von Ps. 139, 5. Der peccator ist nach einigen Kommentaren zu derStelle der diabolus: Beda (?), In Psalmorum librum Exegesis, Migne 93,1094;Haymo, Explanatio in Psalmos, in Ps. CXXXIX, 5, Migne 116, 668; so auchin Notkers Psalmenübersetzung huöte min trohten fore des tiefeles händen(Piper, Die Schriften Notkers 1, 581,11 ff.). Der Ausgangspunkt ist AugustinsEnarratio in Psalmum CXXXIX, 8 (zu Ps. 139,5.6), Migne 37, 1807; vgl. auchWalahfrid, Glossa ord. Ps. 139, 6, Migne 113, 1062.
Die in v. 16—21 genannten Feinde sind die Sünder (peccatores, ini-mici Vulg. 138,19. 21. 22); gegen den Sünder (den Feind) und gegen dieschlechten Menschen wird Gott um Schutz angefleht v. 22—24 (de manupeccatoris et ab hominibus iniquis Ps. 139,5). Der Teufel, der mit dem Pfeilden Menschen schießt, ist ebenso dargestellt wie in der so bedeutungsvollenEpheserstelle 6,11—17, welche das Vorbild zum christlichen Ritter gegebenhat (omnia tela nequissimi ignea. Pfeile des Feindes werden oft in denHymnen genannt, s. MSD. II 3 , 88).
Der Einfluß Otfrids im sprachlichen Ausdruck ist gering; an dievolkstümliche Dichtung erinnert der häufige Gebrauch des Stabreims: 3 )gichuri — irchennist3 ; aneginne — enti 4; uuech — furiuuorhtostu 8 a; himile —herie 13; hapet — hant 15 b. 35 b; rieton — rihtuom 17; fienta — gif eh 19;trof — tougino 27; far — finster 29 a; fruo — federn 31; Mus — chere 36.Der Versbau ist glatt, denn die Senkungen fehlen verhältnismäßig, selten.Die Verse sind nicht dipodisch geteilt. Die Sprache ist in ihrer Einfachheitlebensvoll und nimmt zuweilen einen hohen poetischen Aufschwung. Als
*) Der Ursprung der Wiederholung liegt j zu beziehen, ist sprachwidrig und unlogisch.—in der volkstümlichen Dichtung (s. oben S. 72). j Die Stelle wird auch in Beichten vom Priester2 ) KÖGEL, LG. 2,125 Anm. 2 bezieht den 1 gesprochen, s. MSD. II 3 , 433 Z. 25 f. ut nos
Sing. [i]mo 23 auf ze fiente tuon, aber in zefiente tuon ist der Singular nur erstarrt formel-haft und Kögel übersetzt selbst» alle um deinesRuhmes willen mir zu Feinden machen".Das Pronomen imo auf das Prädikatsnomen
malefactori (diabolo) eriperes. Eripe me Om-nibus malefactoribus.
3 ) Rud. Hildebrand, Z. f. d. d. Unterricht5, 660. Die Reime: Zarncke a. a. O. S. 40 ff.;Versbau: Habermann S. 50—59.141—149.