204 II- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Die Quelle des Gedichtes ist der Psalm 138 und zwar nach der Vulgata,ohne Einwirkung eines Kommentars. Aber doch hat der Verfasser an wenigenStellen Auslegungen hereingebracht: 1 ) 8b aus Augustins Enarratio in psalmos(vgl. Walahfrid Strabo. Glossa ord., Migne 113,1059); touginon sin 2 bezeich-net die tiefe Weisheit des vorgetragenen Inhalts (nach Cassiodor und WalahfridsGlosse, Migne 113,105): Psalmus profunditate mysterioram plenus.
Die Bearbeitung ist sehr frei, außerdem aber ist die Reihenfolge desOriginals von v. 13 an bis zum Schluß in der Handschrift geändert. 2 ) Esentsprechen sich v. 3. 4 = Vulg. 1,2; 5. 6 = Vulg. 3; 7. 8 = Vulg. 3b. 4a; 9.10 = Vulg. 4b; [Vulg. 5 ist nicht übersetzt]; 11. 12 = Vulg. 6a. 7; 13.14 =Vulg. 8; 31—34 = Vulg. 9; 35 (= v. 15) = Vulg. 10; [Vulg. 11 ist nicht über-setzt]; 29. 30 = Vulg. 12; 25. 26 = Vulg. 13; [Vulg. 14.16—18 sind nicht über-setzt]; 27. 28 = Vulg. 15; 16—21 = Vulg. 19—22; 36—38 == Vulg. 23. 24;[22—24 entsprechen Ps. 139, 5]. 1.2 ist der Eingang, der die Aufmerksamkeitdes Publikums rege macht wie in Predigten und Volksreden.
Die richtige Anordnung ist also: v. 1 — 14 (15 ist Wiederholung von 35);31—35; 29—30; 25—28; 16—21; 36—38. Demnach sind nicht übersetztdie Vulgataverse 5. 11. 14. 17. 18; nur zur Hälfte 23; erste und zweiteHälfte sind zusammengezogen in 7. 10. 12. Dagegen sind im Deutschenzugesetzt bezw. frei ausgesponnen 6. 10. 12. 15. 16—21. Der Übersetzerhat schwierige Stellen des Originals leichter faßlich gemacht und die Ge-danken durchweg in sinnfällige Form gekleidet. Der Inhalt ist demnachfolgendermaßen gegliedert: v. 1. 2. Einleitungsformel; 3—12a: Herr, Dukennst alle meine Gedanken; 12b— 15. 29—35: Du bist überall gegenwärtig;25—28: Du hast mich erschaffen; 16—21: Deine Feinde will ich hassen;36—38: Zeige mir den rechten Weg. 3 )
Selten wird man in der altdeutschen Literatur die Arbeitsweise einesÜbersetzers so genau verfolgen können wie beim ahd. Psalm. Der Verfasserhat bei der Mehrzahl der Verse ein Wort, meistens ein Kernwort, einen Haupt-begriff aus dem lateinischen Satze verdeutscht und als Reimwort verwendet
1 ) Zur Erklärung: Seiler, Z. f. d. Phil. 8,187—204; Wilmanns, Götting. gel. Anz. 1893S. 534; Sievers, Beitr. 34, 571—575; KarlKorn, Die ahd. Bearbeitung des Psalms 138,Programm, Radautz (Bukowina) 1909 (dazuHelm, Berliner JB. 1909, 90 f.).
2 ) Braune gibt im Lesebuch 7. Aufl. dieVersfolge der Handschrift, Scherer in MSD.die vermutlich ursprüngliche Folge des Ori-ginals.
3 ) Kögel hält die Anordnung der Verseder Handschrift für die ursprüngliche vomVerfasser herrührende, sie enthalte eine „sehrvernünftige Gedankenfolge" (LG. 2,117 f.). ImGegenteil, die Gedanken sind zerrissen, denndie Handschrift hat folgenden Aufbau: v. 1—12Herr, Du kennst mich; v. 13—15 wohin ich michauch wende; v. 16—21 ich will die Schlechten
von mirtun; v. 25—28 Du hastmich geschaffen;v. 29—35 wohin ich mich auch wende. Es istgar nicht einzusehen, aus welchem Grundeein Übersetzer den Grundtext so mißhandelthaben sollte, während bei Abschreibern der-artige Verunstaltungen ja oft genug vorkom-men. Die Umstellungen also rühren von einemSchreiber her, der das Gedicht nach dem Ge-dächtnis aufzeichnete. Scherer wurde demDenkmal gerecht durch Wiederherstellung deralten Ordnung. Nur darin weicht er, und wohlmit Recht, von der Reihenfolge der Vulgataab, daß er v. 29 f. (Far ih ...) = Vulg. 12 inÜbereinstimmung mit unserer Handschrift vorv. 31 ff. (= Vulg. 9) beläßt. Diese Abweichungdes Übersetzers ist leicht erklärlich, da er denInhalt von Vulg. 12 in den Sinn von v. 13 derHs. (Far ih ... = Vulg. 8) umgeändert hat.