B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. § 34. Psalm 138. 203
deutet. Diese Auslegung gibt schon Alcuin in seinem Johanneskommentar II, 7(Migne 100, 795 f.), den auch Otfrid benutzt hat.
Mit der in der gleichen Handschrift enthaltenen lateinischen Muster-predigt steht das Gedicht in innerem Zusammenhang. Jene Predigt istfür die geistliche Erziehung in der Zeit Karls des Großen in der Tat einMusterbeispiel. Es ist eine kurzgefaßte theologische Summe, ein Kompendiumder Dogmatik in den vier Teilen, die dann ebenso bei den großen Lehr-gebäuden der Scholastik Regel waren und die noch heute die Dispositiondes Katechismus bilden: I. Die Lehre Von Gott und der Dreieinigkeit, inder Predigt Z. f. d. A. 12,436 Z. 1—7; II. Die Lehre von der Schöpfungder Welt, der Sündenfall 436, 7—437, 31; III. Das Leben, Leiden und dieLehre Jesu, 437, 32—439, 7; IV. Die letzten Dinge, die Sünden, die Tugenden,der Himmelslohn, 439, 7—441, 20. In der Darstellung des Lebens Jesuwerden die Wunder erwähnt (438, 27 f.): et in multis mirabilibus se deumverumque dei filium unicum ostendlt. Eines dieser Wunder, in denen sichJesus als Gott und wahrer eingeborener Sohn Gottes, als der Messias zeigte,ist eben die Geschichte von dem samaritanischen Weib.
Das Gedicht ist nicht zum Singen, sondern zum mündlichen Vortragbestimmt gewesen, wie denn die Senkungsbildung ziemlich frei ist. 1 ) DieVerse sind nicht dipodisch geteilt. In der Versgliederung ist hervorzuheben,daß, wenn man den Versbestand sinngemäß einteilt, Strophen von zwei unddrei Langzeilen miteinander abwechseln, die auch teilweise in der Handschriftselbst durch große Initialen angezeigt sind: Str. 1. 2. 3. 4 haben zwei Lang-zeilen, Str. 5. 6. 7. 8 drei, Str. 9 und 10 wieder zwei, Str. 11 drei, Str. 12 und 13zwei Langzeilen (ungleichstrophige Gliederung).
§ 34. Psalm 138.
MSD. Nr. 13 u. II 3 , 85—88; Braune, LB. Nr. 38 u. S. 195; Piper, Alt: d. Lit. S. 264—266,Höf. Epik 3,702f.; Kelle, LG. 1,185f. 370; Kögel, LG. 2,117—126, Grundr. 2 S.125L; Stein-meyer, Ergebnisse S. 216. — Älteste Ausgabe von Wolfgang Lazius, De gentium aliquotmigrationibus, Basel 1557, S. 81; Graff, Diutiska 2 (1827), 374 f., dazu 3,167; Hoffmann, Fund-gruben 1 (1830), 3 f.; J. Baechtold, Geschichte der deutschen Literatur in der Schweiz, Frauen-feld 1892, S. 36-38 u. Anm. S. 13.
Hs.: K. K. Hofbibliothek in Wien Nr. 1609, 4«, 70 Bl., Ende 10. Jh., ent-hält zum größten Teil das Formelbuch des Bischofs Salomo III. von Kon-stanz, 2 ) auf dem vorletzten Blatt 69a und 69b den ahd. Psalm. Die Strophensind abgegrenzt durch Ausrücken der ersten Zeilen und große Initialen, dieReimzeilen aber sind nicht abgesetzt.
Der Dialekt ist bairisch: 3 ) inl. p: hapest 9. 29, hapet 15. 35, nupe 15.28. 35, upe 36; inlautend g > auslautend ch: wech 8, mach : tach 30. Als Ab-fassungszeit ist etwa a. 930 anzusetzen.
*) Zarncke, Berichte der sächsischen Ge-sellschaft derWissenschaftenl874S.39; Kögel,LG. 2,140—152; Habermann S. 34—44.120bis 133; dazu Baesecke a.a.O.
2 ) Ebert Bd. 3, s. Register S. 527; Mani-
tius Bd. 1, s. Register S. 758.
3 ) Der Verfasser ist nicht der AlemanneNotker Balbulus, wie Baechtold, Z. f. d. A.31,197 f. und Gesch. d. deutschen Literatur inder Schweiz S. 30 und 36 annimmt.