202 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Von Otfrids Darstellung 1 ) dieser biblischen Episode unterscheidet sichdie des Gedichts wesentlich. Sie stellen zwei verschiedene Stilartendar, das Gedicht den epischen Liedstil, Otfrid den Predigtstil. Das Liedgibt Erzählung und Zwiesprache ohne starke Verzögerungen in vorwärtsschreitendem Tempo, dagegen Otfrid geht in die Breite und braucht vieleWorte für einen Gedankenabschnitt, indem er Wiederholungen und Um-schreibungen (II, 14, 14a. 23a. 28a. 33a usw.), Erweiterungen und Erklärungen(4ab. 6a. 8b. 10ab. I2ab. lßab. 19. 20. 22a usw.) oder formelhafte Ausdrücke(3b. 7b. 9a. 26a. 29a usw.) einfügt. Der Verfasser des Liedes denkt an-schaulich, Otfrid mehr begrifflich. Wo jener mit dem einfach bezeichnen-den, volkstümlichen fartmuodi auskommt, braucht Otfrid einen ganzenSatz: Thera fertl er ward irmuait 3; medio die ist im Gedicht wieder-gegeben durch das gleichfalls der Volkssprache angehörende ze untarne 2(noch jetzt alemann. bair. Zündern), von Otfrid durch das gelehrte sextazit 9; für aqua viva hat das Lied beidemale das wörtliche kecprunnen 11.14,lebendiges Quellwasser, Otfrid wechselt: springentan brunnon (vorweg ge-nommen aus Vulg. Job. 4,14 fons aqaae salientis) 26, wazar fliazzantaz 30.Demnach ist das Verhältnis beider Dichter zum Text der Vulgata verschieden:der Verfasser des Liedes folgt ihm ziemlich genau, Otfried übersetzt frei.Hier also herrschen zwei verschiedene stilistische Tendenzen, ein ästhetischesGeschmacksurteil über die künstlerische Fähigkeit der beiden Verfasser istnicht am Platze. Wohl wird uns die einfache Weise des Liedes mehr an-sprechen als die Umständlichkeit Otfrids, aber er mußte so sein, weil erden Vorschriften der Predigt und Belehrung folgte.
Von Otfrids Kapitel über die Samariterin scheint das Gedicht ganz unab-hängig zu sein; 2 ) Berührungen finden sich wenige, wie sein wegan 28,das Otfrid mehrmals gebraucht, (tu dih) anneuuert 23 ist von Otfridsanawart anawert bedeutungsverschieden, denn es hat im Gedicht konkretlokalen Sinn: 'mach dich fort'. 3 ) Die Verbindung särio 3 lautet bei Otfridio sär, in seinem sär io thes sinthes gehört io zu thes sinthes und nichtzu sär. Wizzan thaz ist nicht speziell Otfridisch, sondern, wie oben er-wähnt, eine in der Predigt gebräuchliche Beteuerungsformel.
Mit dem Evangelienbuch hat das Lied die Idee gemeinsam: Christusals Heiland, er lehrt den rechten Glauben gegenüber dem Heidentum undJudentum, das durch die Samariterin vertreten ist. Der Quickborn (kec-pranno), aqua viva, ist die Lehre des Christentums, die zum ewigen Lebenführt, in vitam aeternam Ev. Joh. 4,14. Der Grund, weshalb gerade diesesStück aus der Geschichte Jesu eine gesonderte Behandlung als Lied erfuhr,liegt eben in diesem symbolischen Gehalt, der auf das Himmelreich hin-
') Lachmann, Kl. Sehr. S. 454 ff.
2 ) Erdmann, Z. f. d. Phil. 11,117 f.; Stein-
MEYER,MSD.II 3 ,69.MÜLLENHOFF,MSD.a.a.O.
gibt die Möglichkeit zu, daß Otfrid das Gedicht
gekannt habe, s. dagegen Braune, Beitr. 32,153 f.
3 ) MSD. II 3 , 66; Braune, LB., GlossarS.202; Kögel, LG. 2,114 f.