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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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201
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B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. §33. Christus u.d. Samariterin. 201

Quelle 1 ) des Gedichtes ist die Erzählung von Christus und der Sama-riterin nach Ev. Joh. 4, 6 ff., welche auch Otfrid für sein Evangelienbuch II, 14benutzte. Die Übersetzung folgt der Vulgata Schritt für Schritt, nur wenigeswurde zugefügt, um den Stoff in die deutsche Form der Reimpaare vonvier Hebungen zu bringen. Diese Erweiterungen liegen, von Einzelheitenwie särio 3 (das den Reim auf Samärio abgibt) abgesehen, in den Halb-zeilen 4b. 5b. 12b. 21a. 22b. 24 a. 26b; v . 30 ist durch den Begriff der Gnade,also aus theologischen Gründen, eingeschoben worden. Zusätze andererArt sind in dem Stil begründet: die Einleitungsformel Lesen uulr 1, die Be-teuerung iiuizzun thazl stammen aus der Predigt oder aus der Schule. 2 )

Die Anrede guot man 7. 14, der Ausruf uuizze Christ 8 gehören zu derUmgangssprache. Umgekehrt fehlen in dem deutschen Gedicht die achtEinleitungsformeln der Reden (respondit Jesus et dixit, dielt ei mulier usf.).

Es ist ein christliches episches Lied. 3 ) Eine Szene aus dem Lebendes Heilands wird erzählt in einer dem Volke verständlichen Weise. Den größtenTeil nimmt der Dialog ein, entsprechend dem Bibeltext, aber auch in Einklangmit dem germanischen epischen Stil. Nur die sechs einleitenden Langversesind erzählend, die fünfundzwanzig andern zerfallen in Rede und Gegenrede.Die Darstellung ist knapp und einfach und schreitet ohne Hemmung vorwärts.Durch wenige realistische Züge hat der Dichter den Vorgang der Gegenwartangenähert: das samaritanische Weib drückt, naiv genug, seine Verwunderungaus durch den Ausruf 'wlzze Krlst'; sie gibt dem Heiland die Anrede 'guotman', die für Pilger und Bettler gilt, geht aber, nachdem sie in ihm einerespektvolle Persönlichkeit erkannt hat, zu dem ehrenden 'herro' 21 über. 4 )

Die Weglassung der einleitenden Formeln in den acht Redeanfängenentspricht dem Balladenstil. 5 ) Volkstümlich ist auch die Wiederaufnahme derWorte des einen Redenden durch den andern: keeprunnen 11 (Christus) 14(das Weib), uuazzer 17 u. 18, commen 24 u. 25; und endlich der häufige Ge-brauch der Alliteration: 1. 3. 7. 9a. 9b. 13.15a. 17. 25a. 26. 29.

') Schönbach, Z. f. d. A. 38,215.

*) MSD. I, Vorrede S. XXXVIII. Der geist-liche Dichter beginnt mit der Versicherung,daß er seinen Stoff gelesen habe, der Volks-sänger würde sagen, er habe ihn gehört (Ikgihorta äat seggen Hildebrandsl. 1). Hier-mit liegt schon gleich in den Eingangswortender Gegensatz von Gelehrtendichtung gegennationale Dichtung.

3 ) Seemüller, Abhandlungen zur ger-manischen Philologie, Festgabe für Heinzel,S. 284 f.

") MSD. II \ 69; Ehrismann, Z. f. d. Wort-forsch. 5,146 f.

5 ) Heusler, Z. f. d. A. 46, 245 ff.; Wern.Schwartzkopff, Rede und Redeszene in derdeutschen Erzählung bis Wolfram von Eschen-bach, Palaestra74, Berlin 1909, bes. S. 87 ff. und117. Mit dieser konsequenten Meidung derredeeinführenden Formeln steht das Gedicht

in der früheren Literatur vereinzelt, aber auchin der zweiten Hälfte des Hildebrandsliedes,wo das Zwiegespräch lebhafter wird, fehlensie, was dann die Verwirrung in der Hand-schrift zur Folge hatte (quad Hiltibrant 49 istspäterer Zusatz). Das Hildebrandslied zeigt,daß im ahd. Balladenstil die uneingeführteRede bestand. Formeln wie Hiltibrant gima-halta, Heribrantes sunu haben ihren eigent-lichen Platz im längern Epos, im epischen Lieddienen sie nur zu äußerlicher Verdeutlichung,manchmal vielleicht nur zur Anweisung fürden Vortragenden. Das deutsche Volkslied des15./16. Jahrh., dessen Sprache durch Weg-lassung der Nebenumstände die Gedanken sowirkungsvoll auf einzelne Höhepunkte stellt,meidet ebenfalls die formelhafte Redeeinfüh-rung, desgleichen die altenglische und die alt-französische Ballade.