B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. § 33. Christus u. d. Samariterin. 199
Der Versbau des Gedichtes 1 ) ist, entsprechend seiner Bestimmung zumGesang, sehr regelmäßig, zweisilbige Senkungen kommen nicht vor, auchfehlen die Senkungen nur selten. Die Reime sind rein. Es ist unter denalthochdeutschen Gedichten das am ebenmäßigsten gebaute. Der Geistliche,der es verfaßte, hat sich in dem Rhythmus möglichst an die Regelmäßigkeitder lateinischen Hymnendichtung angeschlossen, darum kann die metrischeForm nicht mit dem deutschen bezw. germanischen Versmaß in Verbindunggebracht oder aus demselben abgeleitet werden. Die Melodie (die Neumen-bezeichnung) ist möglicherweise gar nicht Erfindung des Dichters, sondernist von ihm aus einem älteren Hymnus auf den deutschen Text übertragen.Ein genaues Tonbild geben die Neumen nicht, da bis ins elfte Jahrhundertdie Notenzeichen weder die absolute Tonhöhe noch den genauen Abstandder Töne anzeigten. 2 )
§ 33. Christus und die Samariterin.
MSD. Nr. 10 u. II 3 , 64—71.474; Braune, LB. Nr. 34 u. S. 194; Piper, Alt. d. Lit. S. 261bis 263, Höf. Epik 3,701 f.; Kelle, LG. 1,147 f. 362; Kogel, LG. 2,113—117, Grundr. 2 S.125.—Erste Ausgabe: PetriLambecii Commentarii de Bibliotheca Caesarea Vindobonensi 2 (1669),383f.; dann: Graff, Diutiska 2 (1827), 381 f.; Hoffmann, Fundgruben 1 (1830), 1 f. (dazu Lach-mann, Kl. Sehr. S. 455 Anm.); Wackernagel, Altdeutsches Lesebuch 1839 S. 103—106. Fak-simile bei Enneccerus 38.
Hs.: K. K. Hofbibliothek in Wien Nr. 515, 8°, 8 Bl., Anf. 10. Jhs., enthältBl. 1—5a die Lorscher Annalen; diese schließen oben auf Bl. 5 a, unten undauf Bl. 5b sind drei lateinische Responsorien eingetragen, Bl. 6—8b nimmtdie sog. lateinische Musterpredigt (abgedruckt Z. f. d. A. 12, 436 ff.) ein. Aufdem leeren Raum zwischen dem Schluß der Annalen und dem Anfang derResponsorien steht unser Gedicht, das unmittelbar an die Annalen mit andererTinte angeschrieben ist und mit hlerosol. . . vor den Responsorien abbricht.Das Gedicht ist von anderer Hand als die Umgebung ohne Absetzung derReimzeilen geschrieben, nicht vom Verfasser selbst, sondern von einem Ab-schreiber, der verschiedentlich Korrekturen und Rasuren machte. Der Schlußfehlt. Über muodi, dem zweiten Teil des Endwortes der ersten Zeile (fart-muodi), steht die Ziffer DCCCVI1II mit derselben Tinte wie das GedichtWenn damit die Zeit der Niederschrift des Gedichtes oder der Annalen be-zeichnet werden soll, so ist ein C zu wenig gesetzt, denn es könnte nurdas Datum 909 in Betracht kommen, nicht 809, da die Schriftzüge undSprachformen jünger sind als 809.
) Paul Habermann, Die Metrik der klei- | Musikgeschichte Bd II, Leipzig 1905; Ed. Ber-
neren althochdeutschen Reimgedichte, Halle1909.S.29—34.116—120; dazu G.Baesecke,Z.f.d.A.52, Anz.34,222ff.
2 ) Über Neumen: Scherer in MSD. II 3 ,57 f. 62f.83-85.119-121, dazu Registers. 486;Osk. Fleischer, Neumenstudien, 2Bde, Leip-zig 1895—1897; P.Wagner, Neumenkunde,Collectanea Friburgens., N. F. VI, Freiburg inder Schweiz 1905; R.Riemann, Handbuch der
noulli, Die Choralnotenschrift bei Hymnenund Sequenzen, Leipzig 1898; Die JenaerLiederhandschrift, hrsg. von G. Holz, F. Saranund Ed. Bernoulli, 2 Bde, Leipzig 1901; R.von Liliencron, Pauls Grundr. 3 2 ,555—605,speziell S. 560—567 (darin: Die Musikinstru-mente des Altertums und Mittelalters in ger-manischen Ländern von Oskar Fleischer S. 567bis 576).