B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. §32. Petruslied. 197
beim Zug in die Schlacht (Feldgeschrei), vor, während oder nach einerSeefahrt, bei Kirchenfesten, Prozessionen. Ein geistliches Lied beim Beginnder Schlacht singt der König Ludwig, die Krieger alle zusammen sangen'Kyrrieleison' (Ludwigslied 46 f., s. unten). Eine sehr gebräuchliche alteFormel ist in der Chronik des Kosmos von Prag (f 1125) erhalten, 1 ) dievon den Vornehmen bei der Einführung des Bischofs Dietmar im Dom zuPrag a. 967 gesungen wurde: Christe keinado, kirie eleison, und dihaillicgen alle helfuent unse, kyrie eleison; die einfacheren Leute aber unddie den Vers nicht auswendig hersagen konnten, sprachen nur 'kyrieleyson'.Derselbe Ruf erklang, als Bernhard von Clairvaux auf seinem zur Kreuzfahrtauffordernden Predigtzug durch das westliche Deutschland a. 1147 in Kölnvon der Menge begrüßt wurde.
Unser Bittgesang an den heiligen Petrus besteht aus drei Strophen vonje zwei Versen, die der Priester vorsang, und dem auf jede Strophe folgenden,vom Volke gerufenen Refrän (Responsorium) Kyrie eleyson, Christe eleyson.Str. 1 und 2 enthalten das Verhältnis des Menschen zu S. Peter: Gott hat ihmdie Gewalt übergeben, den zu ihm bittenden Menschen zu erhalten; er hatauch ausdrücklich mit von Gott eingesetzten Worten die Pforte des Himmel-reichs inne; in dieses hat er die Macht einzureihen den, welchen er erhaltenwill. Die 3. Strophe macht den Abschluß durch die Aufforderung des Priesters,den Vertrauten Gottes zu bitten, daß er uns Sündern gnädig sei.
Priester und Gemeinde rufen den Apostelfürsten an, sie zum Himmelzu führen und sich ihrer zu erbarmen. Es sind die religiösen Grundgedankender Zeit: das Ziel des menschlichen Strebens ist das Himmelreich; dasVerhältnis von Dienst und Lohn ist angedeutet in v. 2: Petrus hat die Macht,den zu erlösen, der auf ihn hofft, an ihn glaubt. 2 ) Alles hängt von derGnade ab, die die Sünde tilgt, v. 8. Petrus ganz besonders wurde um dasSeelenheil angefleht, weil er die Pforten des Himmelreichs bewacht. Darumwendet sich auch Otfrid an ihn, und zwar zweimal: Salom. 29f. und Hartm.155—160 (höht er uns thes himiles . . . inspene 159 f.). 3 ) Ganz gewöhnlichwird er in der lateinischen Literatur gerade jener Zeit als claviger, als
gäbe (1832) vgl. J. Grimm, Gott. gel. Anz. 1832,1379—1383 u. Kl. Sehr. 5,142—144; MSD.Nr. 29 u. II 3 , 156—158; Wackernagel, LG. 2S. 98. 336 ff.; Kelle, LG. 1,197 f. 378-. WeitereBeispiele s. Mhd. Wb. I, 961 (leis), I, 921 (kyr-leis), II, 1, 806f. (ruof); Lexer 1, 1869 (leis),1, 1588 (kirjeleison), II, 546 f. (ruof), III, 820(wicleise) ; Leise der Geißelbrüder bei der Pest1349 in der Limburger Chronik (Mon. Germ,hist. Deutsche Chron. IV, 1. Abtheil. S.31 ff.;s. ferner oben S. 30. — Die christlichen Bitt-gesänge haben die heidnischen Umzugsliederund Schlachtgesänge verdrängt, vgl. Hoff-mann a. a. O. S. 29 ff.; Brückner, Festschriftzur 49. Versammlung deutscher Philologen inBasel 1907 S.72.
!) MSD. II 3 , 156—158.
2 ) In demVe;ib.*thingjan liegt der Rechts-begriff 'einen Vertrag schließen' und darin ein-geschlossen die Absicht, Aussicht, Hoffnungauf Lohn. In dem germanischen Ausdruck istalso die Vorstellung eines Verhältnisses vonDienst und Lohn enthalten, wie das des Dienst-mannes,- der mit seinem Herrn einen Vertragschließt. Mit vuortun ist = mit ausgemachten,bindenden Worten, offiziell, lat. verbauter, ex-pressis verbis (Du Cange-Favre 8, 276 b ), ver-tragsmäßig als Versprechen oder Gelöbnis. Essind die Einsetzungsworte Matth. 16,18 f. ge-meint (O. Schade, Wissenschaftl. Monats-blätter 4, 56: 'laut Verheißung').
s ) Petrus wird angerufen: Hoffmanna. a. O. S. 29. 72. 209 u. ö.