196 ü. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Faksimile bei Enneccerus 39, Petzet und Glauning IX. — W. Mettin, Die ältesten deutschenPilgerlieder, Philolog. Studien, Festgabe für Sievers, S. 277—286.
Hs.: Kgl. Bibliothek in München, Cod. lat. 6260 aus Freising, fol., 158 Bl.,9./10. Jh., enthält des Hrabanus Maurus Commentar in Genesin und, vonanderer Hand, am Schluß, Bl. 158b, unser Gedicht. Die Strophen sind ab-gesetzt, die Verse durch Punkte getrennt. Der Text ist fortlaufend mitNeumen versehen.
Der Dialekt des Liedes ist bairisch: inlautend p für b in hapet 4,uparlüt 7; auslautend ch für g in mach 5. 1 )
Verfaßt ist es gegen das Ende des 9. Jahrhunderts, denn es steht unterdem Einfluß des durch Otfrid eingeführten christlichen deutschen Kunst-stils. Unmittelbar mit Otfrid 2 ) stimmt überein v. 7 daz er uns flrtänengluuerdo ginäden = Otfr. I, 7, 28 (ginädon). Die ganze Stelle Petrusl. 7 f.hat das gleiche Gepräge wie die entsprechenden Verse Otfrids I, 7, 25—28,die Einkleidung ist dieselbe: Plttemes Petr. 7 = Nu fergömes Otfr. 25; dengotes trüt Petr. 7 = druhtines drüt Otfr. 27. Geändert hat der Verfasser desPetrusliedes des Reimes wegen ginädon Otfr. in ginäden (-.flrtänen), be-sonders aber hat er die reimlose zweite Halbzeile Otfr. 27 wlllt es blthlhandurch eine reimende alla samant uparlüt (: trüt) ersetzt.
Das Lied ist ein Bittgesang. In Notzeiten, in Kriegen, großen Ge-fahren, Seuchen, bei ungünstiger Witterung, Dürre, Regen, Überschwemmung,Gewitter, überhaupt bei allgemeinen Unglücksfällen werden solche Bitt-oder Bußgebete in der Kirche oder auf Prozessionen abgehalten, aber auchan Festen, besonders in der Osternacht und vor Himmelfahrt, bei Kirch-weihen. Ein Priester oder mehrere beten oder singen Sätze vor, das Volkerwidert mit kurzen wiederkehrenden Antworten (Responsorien). Der häufigstesolcher vom Volke gesungene Refrän ist Kyrie eleison, oft vermehrt durchChriste eleison. Dieser sollte nach der Bestimmung der Kirche überhauptbei jeglicher Art von Beschäftigung des täglichen Lebens von den Leutengesungen werden. Aus dem Wort eleison hat sich ein besonderer Namefür diese Gattung kurzer Bittgebete gebildet: mhd. lels st. m. oder leiseschw. m., seltener Ktrlels aus Kyrie eleison; das deutsche Wort ist ruof.Unter Leis versteht man also einen aus wenigen Worten bestehenden, vomgesamten Volke bei einem Zuge angestimmten Ruf mit melodischem,gesangartigem Vortrag. 3 ) Solche volkstümliche Fahrtgesänge waren üblich
x ) Wegen der Form der Präfixe fir- infirtänen 8 (aber farsalt 1), gi- in giuualt 1,ginerian 2, giuuerdo ginäden 8 hält KÖGEL,LG. 2,108 das Original für rheinfränkisch (dochs. Grundr. 2 S. 123 Anm.). Aber das i tritt indiesen Formen auch in bairischen Denkmälerndes 9./10. Jhs. auf.
') Otfrids Verse 1, 7,25—28 sind ein Bitt-gebet an die Jungfrau Maria und Johannesden Täufer, angeschlossen an die Erzählungvon der Heimsuchung und den englischen
Gruß. Ein Bittgebet an Maria nach dem eng-lischen Gruß ist von der Kirche festgesetzt undnoch heutzutage — allerdings in anderer Formals bei Otfrid — liturgisch im Gebrauch.
3 ) Lachmann, Über Singen und Sagen,Kl. Sehr. S. 464 Anm.; Ferd. Wolf, Über dieLais, Sequenzen und Leiche, Heidelberg 1841,bes. S. 29. 192 f.; Hoffmann von Fallers-LEBEN.Geschichte des deutschen Kirchenliedesbis auf Luthers Zeit, 3. Ausg., Hannover 1861,S. 8 ff. (bes. auch S. 29.45 ff.); zur ersten Aus-