B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. §32. Petruslied. 195
elfte Stufe der Demut gebietet die Benediktinerregel, das Gesetzbuch desKlosterlebens, daß der Mönch sanft und demütig und ohne Lachen {leniteret sine risu, humiliter) reden soll, mit Ernst und wenigen Worten. Daherleitet Otfrid die Reden Jesu so oft ein mit den Worten „er sprach süß,freundlich, schön".
Schluß. Otfrids Evangelienbuch ist ein Erzeugnis der fränkisch-christ-lichen Kultur der späteren Karolingerzeit, die das Ziel verfolgt, das Christen-tum zu nationalisieren und zwar durch möglichste Zurückdrängung der alswiderchristlich angesehenen Elemente des Germanentums. Damit ist dasWerk ein Glied in der Kette jener großen Aufgaben der neuen Lehre, dasSinnliche zu vergeistigen. Und zwar ist es die bedeutendste literarischeTat dieser Richtung in deutscher Sprache. Diese Nationalisierung soll ge-schehen im Sinne der gelehrten Theologie und des Mönchtums. Der geistigeGehalt der Evangelien, der christlichen Lehre überhaupt, soll dem Laien-tum vermittelt werden, zu einer höhern geistigen Auffassung der Religionsoll es erzogen werden. 1 ) Die Aufgabe war groß gedacht, aber sie konntein diesem umfassenden Maße nicht verwirklicht werden. Auch wenn desDichters Kräfte stärker gewesen wären, der Wille und die Fassungskraft derMenschen, die er gewinnen wollte, waren zu schwach. Indes seine Arbeitist doch nicht umsonst gewesen. Die geistliche Dichtung der folgendenJahrzehnte ist an ihm geschult, hat von ihm ihre Technik übernommen.Nur ist sie anspruchsloser: kleine, dem Laienverständnis faßbare Gedichtekonnten stärker auf das Volk wirken.
Otfrid mußte für ein so umfangreiches Werk sich die Form fast ganzneu schaffen, die sprachliche und die metrische. Er hat sich dabei anVorhandenes angelehnt, er hat diese Formen nicht erfunden, aber er hat siedoch für seine Zwecke zurecht gemacht. Seine Leistung ist in Anbetrachtder Größe und der Neuheit der zu bewältigenden Aufgabe eine außer-gewöhnliche, wenn auch mehr eine gelehrte als eine dichterische. Einehervorragende poetische Begabung besaß Otfrid nicht, aber er war erfülltvon innerer Beseligung durch die lichte Lehre vom Himmelreich und besaßdie Gnadengabe, sich einzufühlen in das Seelenleben anderer. Das aberhatte er aus der Ideenwelt seines Standes, denn er ist der Typus des Mönchs.Ihn in seinem Charakter als eine noch bestimmtere, ausgeprägtere Persön-sönlichkeit zu fassen, dazu gibt uns sein Werk keinen Anhalt.
Kleinere althochdeutsche Reimgedichte.
§ 32. Petruslied.
MSD. Nr. 9 u. II 3 , 61—64; Braune, LB. Nr.33 u. S. 194; Piper, Alt. d. Lit. S. 263f., Höf.Epik 3,702; Kelle, LG. 1,146f. 361; Kogel, LG. 2,108—110, Grundr.' 2 S. 123 f. — Erste Ausgabe:Docen, Miscellaneen, Bd. 1 (1807) S.3L; Hoffmann, Fundgruben 1 (1830) S.l; dann: H.F.Massmann, Die deutschen Abschwörungs-, Glaubens-, Beicht- und Betformeln vom achtenbis zum zwölften Jahrhundert, Quedlinburg und Leipzig 1839, S. 52 f. 172, Faksimile auf Taf. V;
') Karl Werner, Alcuin und sein Jahrhundert, neue Ausgabe, Wien 1881, S. 402 ff.
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