194 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Kind trug das Holz mit, es ahnte nicht, daß es von seinem Vater getötetwerden solle; auf den Holzstoß legte er sein Kind, seine liebe Seele. DieGenesis Kap. 22 hat für die innere Bewegung des Vaters keine Worte. — Oderein anderes Beispiel für Sentimentalisierung der biblischen Erzählungsart:über die einfache Mitteilung des Evangelisten Posthac descendit Caphar-naum ipse et mater eins Joh. 2, 12 verbreitet Otfrid mit wenigen Stricheneinen Gefühlston, 'da ging der gute Sohn dahin, wo ihn die Mutter in derJugend erzogen hatte, in die Heimat' II, 11, 1 f. — Mit einem einzigen Satzewird das Seelenleben der Prophetin Anna, der Witwe, beleuchtet, 'seitdemmußte sie die Liebe zu ihrem Manne entbehren' 1, 16,5. — Ja, in der Spracheselbst liegt schon ohne weiteres Zutun des Schriftstellers ein warm em-pfindendes Leben, in dem Verkehr der Menschen untereinander, in derHerzlichkeit der Anrede: liobo man, bruader, redet Andreas seinen BruderPetrus an II, 7, 27. 29; frinnt min der Verwalter den Hausherrn II, 8, 45, Jesusden Nicodemus II, 12, 37. Überhaupt ist die Haltung des Gesprächs ein Aus-druck der inneren Meinung, „süß" „mit freundlichen süßen Worten" sprichtChristus, die Widersacher haben „harte, unfreundliche" Worte. 1 )
Oft erhält ein Begriff durch Beifügung von gemütvollen Attributen wieHob, guat, suozi, gimuati, milti, Midi, lind einen tieferen Gefühlswert undfür die milde Gesinnung bezeichnend ist das häufige Vorkommen von em-pfindsamen Substantiven wie sälida, minna, käritäs, guati, suazi, gimuati,milti, mammunti, ötmuati (Demut), thulti.
Mit diesen Erweiterungen und lyrischen Nuancierungen folgt Otfridebenfalls alten Bahnen. Jene gehören zu den Erfordernissen einer gutenPredigt, 2 ) die Stimmungsbilder aber kehren auch sonst in der geistlichenLiteratur wieder, ja einige, wie die Klage der Mütter beim Kindermord unddie Marienklage, sind stereotype Motive; das Heimweh der Magier ist nichtdie Sehnsucht nach der irdischen Heimat, sondern nach der himmlischen, 3 )ein typisches Bild in der geistlichen Literatur; den Preis der mütterlichenZucht hat schon vor Otfrid Smaragdus (| ca. 830); für die Kindespflege derMaria, für das traurige Schicksal der Anna hat auch der Heliand warmeWorte (v. 378—386. 510).
Der Ursprung aber des weichen und gefühlsseligen Wesens des Ge-dichtes ist unschwer zu erkennen: es ist im Mönchstum begründet. Ein-kehr ins Innere ist die Aufgabe jenes höheren, im Mönchsleben verkörpertenChristentums. Sanftmut und Demut, Liebe und Barmherzigkeit finden inder Ruhe des Klosterlebens leichter ihre Pflege als in der Unrast der Welt. 4 )Die Stimmung des Evangelienbuches ist die Erscheinungsform jener Tugendenund dem entsprechend ist auch das äußere Benehmen geregelt. Als
J ) Schütze S. 13 ff.
2 ) Hass S. 28 ff.; dazu Z. f. d. Phil. 36,516 f.
3 ) Ehrismann, Beitr. 35,209 ff.
4 ) Das ist die mittelalterlich kirchliche Auf-fassung und sie war gerechtfertigt; denn in den
Klöstern wurde durch die Pflege des geistigenLebens das Innere verfeinert, während dasChristentum der Laien in althochdeutscher Zeit,noch äußerlich und halber Aberglaube, nichttief in das Gemütsleben drang.