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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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193
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B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. §31. Otfrid. 193

ein gelehrtes, ein geistliches Werk ist. Otfrid ist Schüler des Hrabanus Maurus.Gerade dieser Theologe aber steht im Bann der Tradition, er ist völlig ab-hängig von seinen Vorgängern, besonders Augustin, Beda, Alcuin, ja er ver-steht unter Wissenschaft nichts anderes als nur Zusammenfassung dessen,was die geistlichen Autoritäten aufgestellt haben. Und wie der Lehrer, soist auch sein Schüler Otfrid nur Kompilator. Es würde ihm etwas Ungeheuer-liches geschienen haben, eine Neuerung oder gar eine Abweichung von derunverletzlichen Überlieferung zu wagen. So hat er sich denn auch strengan den Text der Evangelien gehalten und ist nur in den erklärenden Bei-gaben den Kommentaren gegenüber freier, jedoch ohne den Sinn anzutasten.Die Gedanken also hat er nicht umgestaltet. Was er aus Eigenem hinzubringt,ist nur Erweiterung und Umschreibung der biblischen Erzählung oder derbestehenden dogmatischen Erklärungen. Der überlieferte Stoff wird umständ-licher, breiter ausgeführt, Begründungen und Erläuterungen werden angefügt,Situationen werden stärker ausgemalt, Reden weiter ausgedehnt. So z. B. hatdie Schilderung der Hochzeit zu Kana (II, 8) 56 Langzeilen gegen 11 Bibel-verse, die Geschichte des samaritanischen Weibes (II, 14) 122 Langzeilen gegen37 Bibelverse, die des kanaanäischen Weibes (III, 10) 46 Langzeilen gegen6 Bibelverse.

Und doch hat Otfrid seinem Werke einen eigenartigen, aus seinemEmpfinden entsprungenen Ausdruck verliehen; nicht allerdings im Ideen-gehalt, aber in der besondern innern Aufnahme der gegebenen Gedanken.Denn gern verweilt er bei den innern Ereignissen, bei den Empfindungen,und durch die Stimmung gewinnt manche Szene ein reicheres Leben. Hierfindet der Dichter Worte, die aus warmem Einfühlen kommen. Zu einemlieblichen Genrebild ist die Krippenlegung ausgedichtet 1, 11, 3146, wieMaria ihr Kind pflegt, wie sie es schützt gegen Frost, wie sie ihm die Brustreicht und es umhalst und küßt. Zu den poetisch schönsten Stellen gehörtferner der Flug des Engels Gabriel und die Verkündigung I, 5, der Preisder Mutterliebe und der mütterlichen Erziehung III, 1, 3138, die Heimweh-klage 1, 18. Die stärkste Leidenschaft aber ist erreicht in den Klageszenen.Die Totenklagen sind überhaupt in der ahd. und mhd. Literatur die kon-ventionell gegebenen Stellen zum typischen Ausdruck des Schmerzes, so beiOtfrid die Klage der Mütter beim bethlehemitischen Kindermord l ) 1, 20,930;die Weiber beim Zug nach Golgatha IV, 26; Johannes und Maria am KreuzIV, 32; Maria am Grab des Auferstandenen V, 7, 2142; Maria und derzwölfjährige Jesus I, 22, 2330.

Solche rührenden Einzelzüge verleihen dem rein objektiven Berichtder Bibel oft Wärme und stille Schönheit. Gott gebietet Abraham II, 9,2962, Isaak zu opfern. Er. soll nicht auf die Liebe zu seinem Sohnachten; und doch, er lebte süß in ihm, er haftete ihm im Herzen; das

') Schönbach, Z. f. d. A. 38,354; Ehrismann, Z. f. d. Phil. 36,397 f.

Deutsche Literaturgeschichte. I. 13