Druckschrift 
Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
Entstehung
Seite
192
Einzelbild herunterladen
 

192 II- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.

Stil und Darstellungskunst. 1 ) Der Stil ist entsprechend dem Charakterdes Dichters und seines Werkes der des Geistlichen und des Lehrers. Otfriddenkt sich selbst in der Rolle des Verfassers, der unmittelbar sich an seinPublikum wendet. Er redet es mit Du oder Ihr an oder er faßt sich mit denHörern zusammen in der 1. Pers. Plur. Er erinnert an das, was er gesagthat, oder geht zu etwas Neuem über, das er sagen will, und spricht dabeivon sich in der ersten Person. Dieses Hervortreten der Persönlichkeit unddie unmittelbare Wendung an die Zuhörer, das Subjektive, ist das Charak-teristische für seine Redeweise. Es ist Predigtstil. 2 ) Zum geistlichen Stil ge-hören ferner auch die formelhaften Anführungen der Quellen, auf die sichder Dichter beruft und größtenteils auch die Wahrheitsbeteuerungen. DenGelehrten und Lehrer kennzeichnen die erläuternden Zusätze bei Fremd-wörtern oder fremden Gebräuchen. 3 )

In den erzählenden Teilen aber hat Otfrid auch vieles von dem nationalenepischen Stil oder von der gehobenen Volkssprache, z. B. des Rechtslebens,verwendet, besonders die Variation, die epische Übertreibung (Hyperbel) undzweigliedrige Formeln (allerdings sind viele derselben nicht germanischen,sondern lateinisch-kirchlichen Ursprungs) und andere formelhafte Ausdrücke,wie die Umschreibung für die Weite von Raum und Zeit (so weit als derHimmel das Land deckt u. ähnl.) oder für Angemessenheit einer Handlungs-weise (er zürnte, so wie ein guter Degen soll, so wie es einem Gottesdegengeziemte) und überhaupt Zwischensätze mit modalem (vergleichendem) 'sowie'; endlich ist Alliteration häufig.

In der Kunst des Wortes konnte bei Otfrid eine Entwicklung festgestelltwerden. Anfangs, im ersten Buch, war er hierin noch ungeübt, später be-herrschte er die Sprach- und Verstechnik sicherer. Aber zu einer völlig freienBewegung ist er nie gelangt. Vers und Reim machen ihm immer zu schaffen,auf Schritt und Tritt muß er durch Flickverse oder Füllsätze nachhelfen, umden Vers zu füllen oder um einen passenden Reim zu gewinnen. Dazu dienenbesonders die vielen immer wiederkehrenden formelhaften Wendungen. Eswar ja gewiß für die Zeit eine ganz außergewöhnliche Leistung, die deutscheSprache durch viele Verse hindurch in die Schranken eines Akrostichons undnoch dazu eines Telestichons zu zwängen, wie es Otfrid in den drei deutschenWidmungen gelungen ist. Aber das ist doch nur das Ergebnis mühsamenFleißes und nicht freien Schöpfertriebes.

Auch bei der Beurteilung der künstlerischen Behandlung des Stoffeskommt alles darauf an, den Standpunkt festzuhalten, daß das Evangelienbuch

1 ) Kögel, LG. 2, 2732; Paul Schütze,Beiträge zur Poetik Otfrids, Kiel 1887; Ludw.Goergens, Beiträge zur Poetik Otfrids, Straß-burg 1912; Parke Rexford Kolbe, Die Varia-tion bei Otfrid, Diss. Heidelberg, Halle 1912 u.Beitr. 38, 166.

2 ) Albert Hass, Das Stereotype in den.altdeutschen Predigten, mit einem Anhang:

Das Predigtmäßige in Otfrids Evangelienbuch,Diss. Greifswald 1903; Oskar Büge, Die Be-teuerungsformeln in Otfrids Evangelienbuch,Diss. Greifswald 1908; Ernst Naber, OtfridsSprache und die althochdeutschen Bibel-glossare, Diss. Bonn 1912.

3 ) Erdmann, Z. f. d. Phil. 11,122 f.