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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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191
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B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. §31. Otfrid. 191

beibehalten (disäpulus magister, rabbi). Ebenso geht die Bezeichnungdrüt, gotes drut, der Vertraute, womit die Engel, die Jünger, überhauptfromme Menschen ausgezeichnet werden, auf die ältere Missionssprachezurück. Wirklich ausgeprägt nationale Züge begegnen so gut wie nie. DieTapferkeit des Petrus wird gerühmt, da er ohne Schild und Speer in dasGedränge der Feinde lief und seinen Herrn gegen ein ganzes Heer ver-teidigte IV, 17,1 ff.: aber das ist nur ein momentaner Aufschwung im epischenStil, denn gleich darauf wird klanglos berichtet, wie die Jünger flohen undnicht den Mut hatten, zu ihrem Herrn zurückzukehren. Ebenso kontrastiertmit dieser Furchtsamkeit die prahlende Rede des Petrus IV, 13, 41 ff.; nichtaber spricht aus dieser mutvollen Augenblicksstimmung die Treue des Ge-folgsmanns, der sein Leben läßt für seinen Herrn, auch nicht in der Ge-sinnung des Thomas III, 23, 57 ff. Nicht Kriegsfürst ist Jesus, sondern er istder meister IV, 13, 26 und der gnädige Herr, druhttn min ginädlg ebda 41.Er wird im Gegenteil den Weltkönigen gegenübergestellt III, 26, 33 ff.: wennjene im Kampfe fallen, dann flieht ihr Volk, gehet in der Irre und fällt denFeinden in die Hände; er aber hat uns, die ganze Christenheit, durch seinenTod gesammelt und uns ein kühnes Herz verliehen, um den Feinden Wider-stand zu leisten. Wo Christus einmal als Kämpfer auftritt, IV, 12, 61 ff., daist er der Sieger über den Satan, vgl. I, 5, 52 ff. II, 46. V, 16, 14, undgerade das lateinische gigant IV, 12, 61 zeigt unmittelbaren Anschluß an dieBibel (Psalm 18, 6) und an die Überlieferung der Kirchenschriftsteller. 1 )

Pilatus und die jüdischen Hohenpriester und Pharisäer tragen die her-kömmlichen deutschen Namen, zum Teil dieselben wie im Heliand undTatian: herizoho, ewarto, faristo, heristo, der Centurio ist sculdheizo III, 3,5.IV, 34,15.

Nur wenig Spielraum wird der Natur gegeben. Die Wüste ist, in deutschesGefühl übertragen, der menschenverlassene Wald {in waldes einöte I, 10, 28,in wuastinnu waldes I, 23,19, wuastwald I, 27, 41). Die Schilderungen desMeeres 111,7,15 ff. 8,39 ff. 9,17 f. gehen in den Motiven nicht über die Vor-lage hinaus; auch das Bild von der Seefahrt V, 25,1 f. ist der geistlichenLiteratur entlehnt. 2 )

Wenig und nur Äußerliches hat Otfrid dem Vorstellungsgebiet seinesVolkes entnommen, was aber sein Evangelienbuch vom Heliand im Innerstenunterscheidet, das ist das Lebensgefühl. Wohl wird auch im sächsischenErlösungsgedicht die Lehre von der Herrlichkeit des Himmelreichs als diegrößte Segnung des Christentums vorgetragen, und doch ist über die Menschen-erde ein leuchtender Glanz verbreitet, in dem zu leben eine Wonne ist. Auchdem fränkischen Mönche schweifen die Gedanken in eine lichte Wonnewelt,aber sie lebt nur in seiner Sehnsucht, die Wirklichkeit ist ihm das bittereElend der Verbannung.

') Schönbach, Z. f. d. A. 39,104. 2 ) Marold, Germ. 32,391.