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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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190 II- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.

gegebene Tugendlehre will: Flieh die Gegenwart, dann gewinnst du dasHeil, fliuh thia geglnwertt, so quim.lt thir fruma in henti v.42. So ist OtfridsEvangelienbuch ganz eingegeben vom Geist des Mönchtums: Dienst und Lohn,Sünde und Gnade, das Reich der Welt und das Reich Gottes stehen sich instrengem Dualismus gegenüber, der nur zu lösen ist durch völliges Aufgebendes Daseins, da dieses doch nur ist Mühsal, Schmerz und Weinen (v. 25 ff.),auf daß wir aus dem Elend der Welt in die Heimat des Himmels gelangen.

Gegenüber dem geistlichen Gehalt und der biblischen Auffassungsweisekommt nationale Art kaum zur Geltung. Ganz zu unterdrücken war sienicht. Manche Vorstellungen waren schon durch das Missionschristentum des7./8. Jahrhunderts dem Volksempfinden angepaßt, einiges mochte auch Otfridselbst absichtlich der Auffassung seiner Landsleute verständlicher gemachthaben. So hat er immerhin germanische Anklänge zugelassen, ohne daß jedochdas Gesamtbild seines Werkes dadurch nennenswert beeinflußt worden wäre.In dem Maß der Germanisierung liegt der am ersten empfundene Unter-schied zwischen Otfrids Werk und dem Heliand. Der sächsische Dichterwollte sein Publikum für seine Lehre erst gewinnen, indem er sie in ihr An-schauungsverrnögen übertrug, der fränkische aber bot seinen Lesern die biblischeGeschichte und dazu die wissenschaftliche Auslegung derselben in möglichstreiner Form, um es zum wirklichen innern Verständnis für diese zu erziehen.

Otfrid hat in seiner Darstellung der Person Christi manches von demChristustypus des althochdeutschen Frühchristentums entlehnt, wie ihn dieGeistlichen des 8./9. Jahrhunderts dem Volke zeichneten. Jesus stammt, wasja das biblische Geschlechtsregister selbst schon nachweisen will, von alt-adeligen Ahnen I, 3; dasselbe wird bei Maria ausdrücklich hervorgehobenI, 3, 26; wie eine Herrin aus hohem Geschlechte wird sie geschildert I, 5, 6 ff.:Zur Edelfrau flog der Engel Gabriel, alle ihre Vorfahren waren Könige, er fandsie im Palast, wie sie den Psalter sang und feine Gewebe wirkte. Diese lebendigeSchilderung in altepischem Stil stammt aber aus der frühsten Zeit des Werkes.

Nirgends erscheint Jesus als weltlicher König, seine Erlösungstat wirdecht biblisch dahin aufgefaßt, daß er sein Blut für uns vergossen hat I, 20,31. III, 26, 33. IV, 27,11 ff. Selbst die wenigen Stellen, wo Jesus gerechtfertigtwird, weil er den Juden auswich, sind nicht aus der Empfindung hervor-gegangen, ihn gegen den Vorwurf der Feigheit zu schützen, sondern sie sindin biblischem Sinne aufgefaßt und stammen aus der kirchlichen Literatur. 1 )

Die Jünger sind seine bezw. Gottes Degen, sein Gefolge (githigini),die Hauptstelle dafür ist IV, 12, 5 ff. Das ist allerdings eine Übertragung aufdie germanische Sitte (das ganze Frankenvolk ist die Degenschaft des KönigsLudwig, Ad Ludow.' 26), aber sie ist von Otfrid nicht selbst erfunden (vgl.den Heliand),- sondern sie stammt aus dem Christusbild der Heidenbekehrung.Sehr häufig ist demgegenüber das biblische Verhältnis von Meister und Jünger

') Schönbach, Z. f. d. A. 38,354 f.