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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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189
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B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. §31. Otfrid. 189

zwei Naturen waren in ihm, Gottheit und Körper V, 8,18. 12,10. 4550. Wodie menschliche Natur Jesu schärfer hervortritt, bei der Verfolgung und imLeiden, da schwebt die Gestalt des Erlösers noch besonders in rührender undzugleich erhabener Verklärung, sein ganzes Wesen ist Milde und Geduld, erist das Bild der Hoheit in der Erniedrigung.

Ausführlich wird die Sendung des heiligen Geistes als des Tröstersdargestellt. Er ist die Liebe (minna, käritäs). Die Hauptstellen sind IV, 15,3740. V, 11, 9. 17, 10.

Vermittler zwischen den Menschen und Gott sind die Heiligen. Siewerden um Fürbitte angerufen: Johannes der Täufer I, 7, 27 f.; PetrusSalom. 29, Hartm. 157; S. Gallus Hartm. 112.154.168; besonders aber sanctaMaria, die selige Blume, die erhabene Mutter, die gottgeliebte Jungfrau, diehehre Frau, die mächtige Königin, I, 3, 2734. 7, 25 f.

Symbolische Handlungen, die zum Heile führen, sind die Taufe unddas Abendmahl. Dieses heilt die Sünden und erlöst die Welt IV, 10, 9ff.Eine weitreichende Bedeutung wird der Taufe beigemessen. Eines derwichtigsten dogmatischen Kapitel ist ihr gewidmet, die moralische Betrach-tung I, 25. Die Taufe bewirkt den Glauben, dessen Grundbedingungenberuhen in der Einheit von Vater, Sohn und Geist; der Glaube schafft, daßwir Gott dienen (Gottes Willen wirken). In der Taufe aber wird uns dieGnade Gottes zuteil, indem er uns rein macht. Die Gnade also ist es imtiefsten Grunde, die die Sünde tilgt. Das erste Kapitel geistlichen Inhalts,I, 2, die Invocatio scriptoris ad Deum, ist die Anrufung Gottes um seineGnade zur Auslöschung der Sünden I, 2, 20 (vgl. auch III, 17, 59 ff. IV, 31,27 ff.), und in einem verbreiteten liturgischen Bittvers wird der heilige Für-sprecher (Johannes der Täufer) um Gnade für die Sünder angefleht: thaz eruns firdänen giwerdo ginädön I, 7, 28 (derselbe Vers auch im Petruslied, s.unten). Die Gnade ist die erlösende Kraft, aus Gnade ist Christus für unsgestorben V, 6, 69.

Das Moralsystem ist am ausführlichsten gegeben in der symbolischenAuslegung der Heimkehr der Magier 1, 18. 1 ) Der Übermut (= superbia) istdas Grundlaster, das uns den Verlust des Paradieses gebracht hat, v. 13,Milde (guatl = mansuetudö), Demut {ötmuati = humilitas), Enthaltsamkeitund Meiden der Wollust (furiburä = abstinentia), Gehorsam (adj. hörsam =oboedientid), Gottes- und Nächstenliebe, Barmherzigkeit (käritäti = Caritas),das sind die Tugenden, welche uns wieder zur Heimat geleiten, in dasHimmelreich. Das ist allgemein christliche Ethik, gültig für jeden, der reinesHerzens nach Gott strebt (v. 35), und Otfrid gibt diese Lehre auch als eineGesamtforderung des Christentums. Aber es sind doch zunächst die Pflichteneines bestimmten Kreises, es ist die Sittlichkeit des Mönchtums, deren Grund-gehalt, Abschluß und Zusammenfassung die Weltflucht ist. Die von Otfrid

l ) Ehrismann, Beitr. 35,229.