B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. § 31. Otfrid. 187
behalten in der freien Behandlung der Senkungen, besonders durch dieMöglichkeit, diese überhaupt fallen zu lassen. 1 ) Aber den Formenreichtumdes Stabreimsystems hat Otfrid nicht in seinem ganzen Umfang angenommen,vielmehr hat er ein strengeres Maß in der Verteilung von Hebung undSenkung und in der Verteilung der Senkungen eingehalten. Ein solcheshatte schon der urgermanische musikalische oder Liedvers (s. oben S. 74).Aber hauptsächlich hat wohl auch hier der Hymnenvers von vier Hebungenmit seinem regelmäßigen Wechsel von Hebung und Senkung eingewirkt,und außerdem verlangte schon die liturgische Vortragsweise eine strengereGliederung betonter und unbetonter Taktteile. Aber die Entstehung aus demAlliterat!onsvers läßt sich unmittelbar verfolgen: am Anfang seiner Arbeit 2 )stand Otfrid noch unter der Klangwirkung desselben, da erlaubte ihm seinrhythmisches Gefühl noch ganz senkungslose Verse, z. B. fingär thinän1, 2,3, werk wirkentö 1,5,11 (vgi.prut in büre, bärn ünwähsan Hildebrandsl. 21).Später meidet er solche Freiheiten.
Vortragsweise. 3 ) Das Evangelienbuch war nicht zum Singen im Chor,sondern zur Privatlektüre und Erbauung bestimmt. Die Kapitel nennt Otfridselbst Ad Liutbertum (Erdmann S. 5 Z. 55) lectiones (Leseabschnitte) theoäsceconscriptas. Sein Vers war also ein Sprechvers, nicht ein Gesangsvers undder Vortrag der einer liturgischen Rezitation, die in langsamem und feier-lichem Tempo sich bewegte. 4 ) Die Neumen in der Handschrift P sind wohlder Melodie eines Hymnnus entnommen, die hier auf die betreffendenOtfridverse übertragen ist.
Gedankengehalt des Evangelienbuches. 5 ) Otfrids Evangelienbuchist das Werk eines Geistlichen und lediglich vom Standpunkt geistlicherDichtung aus ist es zu betrachten und zu beurteilen. Es ist eine theologischeDarstellung des Lebens Christi und zwar in seiner weltgeschichtlichen Be-deutung. Die Erscheinung des Gottessohnes steht im Mittelpunkt allesGeschehens, vom Weltanfang bis zum Weltende. Was vorherging, das AlteTestament, hat seinen wahren Wert nur, insofern es auf ihn deutete; wasfolgt, wird gemessen an dem Verhältnis, in dem es zu ihm steht. Er istder Logos, der Weltschöpfer, der von Anfang an bei Gott war (II, 1); erhat uns vom Sündenfall wiederhergestellt, er ist der zweite Adam (II, 5, 5 ff.
*) Im freien Choralrhythmus kann auch min filo las, Kizila die schöne hat viel von
im lateinischen Kirchengesang zweisilbigeSenkung unter einsilbigen eintreten.2 )MSD. II 3 , 62.
3 ) Franz Saran, Ober Vortragsweise undZweck des Evangelienbuches Otfrieds vonWeißenburg, Habilitationsschrift, Halle 1896;Schönbach, Z. f. d. A. 42,120 f.
4 ) Daß das Evangelienbuch wirklich ge-lesen wurde, darauf können die in P auf
mir gelesen.
*) Scherer, LG. S. 48—51; Kelle, LG. 1,167—173; die Ausgaben vonKELLE, Bd. 1, Ein-leitung S. 69—86; Piper 1 , Einleitung S. 258 bis268; Erdmann, Einleitung S. LVI—LXI; K(aro-line) Pfeiffer, Otfrid, der Dichter der Evan-gelienharmonie im Gewände seiner Zeit, Güt-tingen 1905; W. Schnatmeyer, Otfrids undseines Evangelienbuches persönlicheEigenart,
Bl. 90r unten von späterer Hand eingekratzten I Greifswalder Diss. 1908. — Zum religiösen GeWorte weisen, die Behaghel, Germania 24, halt s. vor allem Hauck 2 2 , 768—781.382, endgültig entziffert hat: Kicila diu scona \