186 II. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Geschichte des Otfridischen Verses. Otfrids Versschema ist dasder Reimpaare von vier Hebungen. Es mag wol schon vor Otfrid eine,allerdings nur wenig gepflegte und bedeutungslose deutsche Klosterdichtunggegeben haben, in dem dieser Vers verwendet wurde, jedenfalls ist es seinVerdienst, den vierhebigen Reimpaarvers zum ersten Mal in einem umfassendenund vorbildlichen Werke durchgeführt zu haben. Dieser Reimvers verdrängtedann den germanischen Alliterationsvers und blieb die meistgebrauchte Formauch noch in der mittelhochdeutschen epischen Dichtung. Der Erfinder dieserVersform war Otfrid nicht, sondern er entwickelte sie aus gegebenen Voraus-setzungen. Die historischen Grundlagen seines Systems stellen sich folgender-maßen dar:
Der Endreim stammt aus der lateinischen Kirchendichtung, 1 ) welcheauch die Freiheit der ungenauen Reime (Assonanzen) hatte 2 ) und ebensodie Betonung schwacher Nebensilben kannte. 3 ) Im vierhebigen Hymnenversträgt ebenfalls nur die letzte Silbe den Reim.
Die Art der Bindung als gepaarte Reime fand Otfrid ebenfalls in derlateinischen geistlichen Poesie vorgebildet. Sie waren besonders beliebt im Acht-silber, 4 ) dem ältesten und gebräuchlichsten Hymnenversmaß, also in Versen, dievier Hebungen zählten. Mit diesem Hymnenvers nun stimmt Otfrids Halbzeilein bezug auf die Reimbindung und auf die Anzahl der Hebungen überein.Dann entsprechen vier Otfridische Halbzeilen (= zwei Langzeilen) der vier-zeiligen Hymnenstrophe (die auch oft in Langzeilen geschrieben war). 5 ) Alsoauch der Strophenbau Otfrids gleicht dem des gewöhnlichen Hymnensystems.
Ist der Endreim fremden, romanisch-kirchlichen Ursprungs, so hat derRhythmus des Otfridischen Reimpaarverses germanischen Charakter bei-
') Den volkstümlichen Bestand derlateinischen christlichen Dichtung bilden dieHymnen, die Kirchenlieder mit gleichge-bauten Strophen von ursprünglich vier Zeilenmit je vier Hebungen. Der vierhebige Hymnen-vers geht zurück auf das national lateinischeVersmaß undist eine Variation des saturnischenVerses (xx XX XX X = erster Halbvers dessaturnischen Verses), vgl. Bartsch, Der satur-nische Vers und die altdeutsche Langzeile,Leipzig 1867; Norden, Die antike Kunstprosa2, 810—813. Dieser national lateinische Versoder Abarten desselben haben sich gewiß auchunter der Herrschaft der griechischen Versmaßeim römischen Volke erhalten und sind von da indie romanischen Volksliteraturen übergegan-gen. Der altfranzösische Vierheber in der Pas-sion Christi und im Leodegarliedeist der lateini-sche Hymnenvers. In den lateinischen Hymnenund in den altfranzösischen kirchlichen Dich-tungen wie S. Leodegar war dann der Reim(bezw. die Assonanz) üblich geworden, manch-mal nur sporadisch in einem Gedichte auf-tretend, dann auch in andern ganz durchgeführt.Ein Otfridvers wie 1, 17,1 Nist man nihein in
wörolti, thaz säman äl irsägeliist gleichgebautden zwei Versen des Leodegarliedes Str. 3,3 f.Qui dönc regnevet d ciel di: cio füd Lothiersfils Bäldequi. Dieser volkstümlich lateinischebezw. romanische Reimvers war schon vorOtfrid auch ins Ostfränkische gekommen —die Spielleute mochten stark vermittelt haben— und vielleicht schon in kleineren, religiö-sen deutschen Gedichten angewendet worden.Daraus erklärt sich das allgemeine Eindringendes Reims in die deutsche Dichtung, das durchOtfrids gelehrtes und nicht in weite Kreisegedrungenes Werk allein nicht hätte bewirktwerden können. Vgl. Saran, Verslehre S.247;Kauffmann, Z. f. d. Phil. 25,555 ff.; Vogt beiNorden a. a. O. S. 812 f.
2 ) Vgl. auch die altfranzösischen Tiraden.
3 ) Z. B. Hrabanus Maurus in seinem großenGedichte De fide catholica „Aeterne rerumconditor" (Migne 162,1609ff.); auch reimloseVerse sind dort sehr gewöhnlich, vgl.W. Meyer,Gesammelte Abhandlungen zur mittellateini-schen Rhythmik, Bd. 2 (Berlin 1905), 124.
4 ) W. Meyer, Bd. 1,219—222.
5 ) W.Meyer, Bd. 2,119 Anm.