B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. § 31. Otfrid. 185
als dreisilbig); in diesem Falle ist die Hebungssilbe meistens kurz, seltenerlang. Oder endlich drittens: die Senkung kann auch ganz fehlen, dannmuß die Hebungssilbe (die jetzt die Zeitdauer des ganzen Taktes alleinausfüllen muß) lang sein (einsilbiger Takt).
Die Hebungen haben nicht alle die gleiche Betonungsstärke. Manunterscheidet nach der Akzent- (bezw. Betonungs-)stärke Haupthebungen (x)und Nebenhebungen (x). Diese verteilen sich im allgemeinen nach denfünf Typen (s. oben S. 75):
A x x x x (Lüdowig ther snellö 1, 1, la).
B x x x x (oüh ni dätun sülth düam IV, 5, 46 a).
C x x x x (theih slnu werk wirke III, 20, 13b).
D x x x x (werk wirkentö I, 5, IIb).
E (ist selten) x x x x (joh Mab inän in sinan arm I, 15,13b).
Die Haupthebungen in einem Halbvers entsprechen den Hebungen(Stäben) einer alliterierenden, ersten Halbzeile, die Nebenhebungen fallen aufnächst stark betonte Silben des Halbverses. Der Halbvers ist also, außer in D,wieder in zwei Hälften zu je zwei Füßen geteilt, d. h. er besteht aus zweiDipodien, deren jede eine Haupt- und eine Nebenhebung enthält. DieserUnterscheidung von Haupt- und Nebenhebung entspricht auch in der Mehrzahlder Verse Otfrids Akzentuationssystem; wenn er zwei Akzente setzte, so be-zeichnete er mit diesen eben die Haupthebungen.
Den Reim trägt prinzipiell nur die letzte Silbe (einsilbiger Reim, z. B.wib: Hb), auf die zugleich die vierte Hebung fällt; selbst schwache Neben-silben können die vierte Hebung und damit den Reim tragen (däti: liutiIII, 14,105; rihte:rehte\, 10,26). Es können aber auch die vorletzten Silben mitreimen, wodurch zweisilbige Reime entstehen (lästi: brüsti), selten reimen dreiSilben (lebetä : klebetä II, 9,37). Die Reime sind entweder rein {däti : liuti,rihte: rehte); oder unrein, Assonanzen (Anklänge). Im zweiten Fall bestehenzwei Möglichkeiten: entweder die Vokale sind gleich, die Konsonantenungleich (konsonantische Assonanz), aber diese sind dann doch von ähn-licher Artikulation, so daß z. B. gebunden werden Nasal zu Nasal: m und n;Liquida zu Liquida: / und r; Spirans zu Spirans: h und /; Liquida zuSpirans: 5 und 3, die Medien untereinander. Oder die Konsonanten sindgleich, die Vokale aber ungleich (vokalische Assonanz). Wenn man inBetracht zieht, daß nur die letzte Silbe zu reimen braucht, so ist die Zahlder Assonanzen bei Otfrid nicht übermäßig groß. Beispiele: konsonantischeAssonanzen sind ein: deil 1, 3,9, man: fram III, 13,31, giwalt: hant V, 25,17;vokalische Assonanzen: swär : Mar III, 5, 21, thiot: not IV, 21, 12. Vielhäufiger sind Assonanzen bei zweisilbigem Reim: konsonantische: mera :sela I, 22, 52, waltan: irstantan III, 7, 6; vokalische firläzan: riazan 1, 18,11,gizalta : scolta IV, 6, 34.
Die zweisilbigen Reime (bezw. Assonanzen) wachsen im Verlauf der Dich-tung stark aus, so daß sie später die Mehrzahl aller Bindungen ausmachen.