184 II- Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Assimilationen: ia > io vor o der folgenden Silbe: ziari > zioro, ia > ie: ziari >glziere; io >ia vor a: Hob > liaba, io >ievoxe: Hob > liebes;ua>uo: guat>guoto,ua> ue:guat> guetes. 1 ) Besonders diese leichte Beweglichkeit der Diph-thonge trägt dazu bei, daß Otfrids Vokalsystem so manigfaltig, seine Spracheso melodiös ist. — Der Lautstand der verschiebungsfähigen Konsonanten ist:Dentale, germ. d: anl. d, inl. ausl. t; germ. p, anl. th, inl. ausl. d; t: die Spirans 3bezw. die Affricata z in der allgemein üblichen Stellung. — Labiale, bbleibt anl. inl. ausl., p wird wohl zur Spirans /, nicht aber zur Affricata pf ver-schoben, jedoch Ipf, If (helpfan und hälfari), rpf, rf (werpfan und wer/an). —Gutturale, g bleibt (wie b) anl. inl. ausl.; k wird wohl zur Spirans ch, abernicht zur Affricata kch verschoben. Dieses sind die Kennzeichen des süd-rheinfränkischen Dialekts von Otfrids Heimat Weißenburg, in welchen alsoua aus dem Alemannischen übergegriffen hat.
Metrik. 2 ) Gliederung. Zwei Halbzeilen (Halbverse) bilden eine Lang-zeile (Langvers). Die Handschriften sind in Langzeilen geschrieben, dieHalbzeilen sind in VPD meist durch Punkte, in F durch ein Spatium ab-geteilt. Zwei Langzeilen bilden zusammen eine Strophe. Daß Otfrid inder Tat je zwei Langzeilen als ein Ganzes zusammengefaßt wissen wollte,zeigt sich an äußeren Formalitäten: die Aufeinanderfolge der Zeilen ist inden Handschriften so eingerichtet, daß immer die zweite Langzeile gegen-über der ersten eingerückt ist; auch stehen die Initialen, welche die Akrostichabilden, immer am Anfang der ersten Langzeilen, die derTelesticha am Schluß derzweiten; endlich ist gewöhnlich am Ende der zweiten Langzeile auch ein Sinnes-abschnitt, allerdings geht ein Satz nicht gerade selten durch mehrere Strophendurch. — Die Halbzeile Otfrids entspricht der Halbzeile im Alliterationssystem.
Der Rhythmus. Jede Halbzeile hat vier Hebungen, die vierte Hebungfällt immer auf die letzte Silbe des Verses. Die Zahl der Senkungen kannwechseln. Normalerweise ist die Senkung einsilbig (der Takt also, der ausHebung und Senkung besteht, zweisilbig). Sie kann aber auch zweisilbig,selten mehr als zweisilbig, sein (der Takt ist also dann dreisilbig oder mehr
1 ) Paul Benrath, Vokalschwankungenbei Otfrid, Bonner Diss., Aachen 1887.
2 ) Lachmann, Über althochdeutsche Be-tonung und Verskunst, Erste Abtheilung, Ab-handlungen der kgl. Akademie der Wissen-schaften zu Berlin, histor.-philol. Klasse, 1834,S. 235—270 u. Kl. Sehr. S. 358-394, Zweite Ab-theilung Kl. Sehr. S.394—406 (beide Abteilun-gen zusammen Kl. Sehr. S. 358—406); Zarn-CKE, Berichte der Sächsischen Gesellschaft derWissenschaften 1874, 56; R. Hügel, Über Ot-frids Versbetonung, Leipzig 1869; Wilmanns,Metrische Untersuchungen über die SpracheOtfrids, Z. f. d. A. 16,113—131; derselbe, ÜberOtfrids Vers- und Wortbetonung, ebda 27,105bis 135; derselbe, Der altdeutsche Reimvers,Beiträge zur Geschichte der älteren deutschenLitteratur, Heft 3, Bonn 1887; Sievers, Die
Entstehung des deutschen Reimverses, Beitr.13,121—166; Schönbach, Z. f.d. A. 40,118ff.;Th. Ingenbleek, Über den Einfluß des Reimesauf die Sprache Otfrids, besonders in bezugauf Laut- und Formenlehre (mit einem Reim-lexikon zu Otfrid), QF. 37, Straßburg 1880;Saran, Zur Metrik Otfrids von Weißenburg,Philolog. Studien, Festgabe für Sievers, Halle1896, S. 179—204; C. H. Holzwarth, Zu Ot-fridsReim, eine rhythmisch-melodische Studie,Diss. Leipzig 1909; Jostes, Kyrieleison. EeneStudie over het onstaan van het duitsche Vers,Overdruk uit de Verslagen en Mededeelingender kon. Vlaamsche Academie, Gent 1908;Saran, Verslehre, s. Register S. 350; Kögel,LG. 2,22—78, dazu S. 140—152; Braune, Lit.Nachw. S. 193.