B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. §31. Otfrid. 183
mehrfach übereinstimmt mit einem Einzugslied, wie sie in Klöstern zum Emp-fang von hohen Herrn und Frauen lateinisch abgefaßt wurden, und hat Anklängean die Darstellung des Einzugs Jesu in Jerusalem, IV, 4,41 ff. (Ad Ludow. 5 istsogar unmittelbar gleich IV, 4,45). l ) Auch aus der Litanei sind einige Formelnentnommen. 2 ) Das Approbationsschreiben an den gelehrten Erzbischof vonMainz hält er im Stil eines wissenschaftlichen Traktates; an den Bischof Salomowendet er sich mit einer poetischen Epistel, die in einen sehr umfangreichenHeilswunsch ausläuft, und in dem Geleitsschreiben an die St. Galler Mönchegibt er eine geistliche Abhandlung über das Thema 'De laudibus Charitatis'.
Große Sorgfalt hat Otfrid auf die Orthographie verwendet. Er hatihr, wie er in seinem Schreiben an Liutbert zeigt (Erdmann S. 5 Z. 56ff. undauch I, 1, 41—44), ein eigenes Studium gewidmet, und zwar hält er sichbesonders an Bedas Abhandlung De arte metrica. 3 ) Er handelt über dieSchreibung uuu = wu, über die Verwendung des y, über den Lautwert vonz und k, über die Synaloephe und den Hiatus.
Die Aussprache der Worte und die rhythmische Betonung hat Otfridsorgfältig geregelt. Sein System ist in den Hss. V, P und D erhalten, währendin F die ursprünglichen Grundsätze sehr entstellt sind. Es sind Elisionspunktegesetzt beim Hiatus, wenn also ein mit einem Vokal schließendes Wort miteinem mit Vokal beginnenden zusammentrifft, und zwar steht je ein Punkt überund je einer unter dem betreffenden auszustoßenden Vokal. Das vokalische iwird von konsonantischem j (das in der ahd. Orthographie ebenfalls i ge-schrieben ist) dadurch unterschieden, daß, wenn darauf ein Vokal folgt, das iund dieser betreffende folgende Vokal einen Akzent trägt, so besonders in iö,iämer, lü, liier und den verwandten Wörtern (phonetische Akzente, Erdmann,Einleitung §§ 3. 4. 5.12; diakritische Akzente, Piper, Einleitung S. 73. 76 ff.).
Von Wichtigkeit für die Versbetonung sind die rhythmischen Akzente,die die Haupttonsilben des Verses bezeichnen; sie wurden erst bei der Kor-rektur gesetzt (s. oben). In der Regel stehen zwei rhythmische Akzente ineinem Verse, seltener drei oder nur einer, noch seltener sind alle vierHebungen durch Akzente bezeichnet. 4 )
Auch Interpunktionszeichen, meistens Punkte seltener Kolon, sindangebracht, aber fast nur am Ende von Halbzeilen, um die Versgliederunganzuzeigen (Versteilungspunkte). 5 )
Die wichtigsten Merkmale von Otfrids südrheinfränkischem Dialekt 6 )sind: das sonst alemannische ua für fränkisches mo; die häufig eintretenden
*) Einzugslieder s. oben S. 28.
2 ) Ehrismann, Beitr. 28,570—572.
3 ) Schönbach, Z.f. d. A.39,384ff.; Zwier-zina, Z. f. d. A. 31,292—296; F. Wilhelm, Z. f.d. A. 53, 81—83.
4 ) Erdmann, Einleitung § 12 u. §35; Piper,Einleitung S. 149 ff. und Beitr. 8, 225—244;Naphtali Sobel, Die Accente in Otfrids Evan-gelienbuch, QF. 48, Straßburg 1882; Saran,
Verslehre S. 244.
5 ) Erdmann, Einleitung §§ 17—20.26.39.48; Piper, Einleitung S. 57—62.
6 ) Li t er atur zur Sprache Otfrids :KellesAusgabe 2. Bd.; Müllenhoff in MSD. I 8 ,Vorrede S. XX f.; Oskar Erdmann, Unter-suchungen über die Syntax der Sprache Ot-frids, 1. Teil, Halle 1874; die weitere Literaturs. bei Braune, LH. Nachw. S. 193 f.