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Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
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181
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B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. §31. Otfrid. 181

Arbeit, die Kommentare auszuziehen, nicht selbst geleistet hat, sondern daßer ein Sammelwerk benutzte, das dem Bibeltext schon die betreffenden er-klärenden Kommentarstellen beigegeben hatte, neben dem er dann vielleichtzur Ergänzung die Kommentare selbst zu Rate zog. Dieses Hilfsmittel wäredie Glossa ordinaria des Walahfridus Strabo gewesen, ebenfalls eines Schülersvon Hrabanus Maurus und spätem Abtes von Reichenau (s. oben S. 83). J )

Anregung empfing Otfrid auch von den christlich lateinischen DichternJuvencus, Arator, Prudentius, 2 ) die er selbst unter den Verkündigern derWorte und Wunder Christi hervorhebt (Ad Liutbertum, Erdmannn S. 4 Z. 17),aber nur für seine dichterische Empfindungsweise im allgemeinen, nicht füreinzelne Tatsachen des Stoffes.

Sein fertiges Werk hat Otfrid verschiedenen Personen übersandt undden betreffenden Exemplaren Widmungen 3 ) an die Adressaten mitgegeben.In dem ursprünglichen Handexemplar Otfrids befanden sie sich jedenfallsalle, es sind vier, und gingen von da auch in V und P über; in F sind sienicht aufgenommen. Die Sitte, ein Werk einer Person oder, seltener, mehrerenzu widmen, stammt aus der römischen Kaiserzeit und ihr folgten dann vielegeistliche und weltliche Schriftsteller des Mittelalters. Auch der traditionelleStil wurde bis in die einzelnen stereotypen Wendungen in solchen Zuschriftenbeibehalten. Die Ausdrucksweise war fest geregelt. So wurde auch die Eti-quette mit strenger Beobachtung der Standesverhältnisse gewahrt und warin Formelbüchern geregelt. Dem Empfänger höheren Standes werden solenneTitulaturen beigelegt, um so geringfügiger behandelte sich der Autor selbst.Ein Beispiel dafür ist das lateinische Prosaschreiben Otfrids an den ErzbischofLiutbert. Der Kirchenfürst wird nicht unmittelbar angeredet, sondern mit um-schreibenden Höflichkeitsformeln wieVestraeexcellentissimaepmdenüae, seineeigene Person aber erniedrigt er dem gegenüber durch die Demutsphrasen vi-litas mea, mea parva humilitas u. a., überhaupt ist der ganze lateinische Text inschwülstigem Rhetorenstil verfaßt. Auch in den Widmungen an den Kaiser undan den Bischof von Konstanz ist Humilitätsbezeugung die Basis des Verkehrs.

Die Widmungen sind in den Handschriften nach dem Rang der Emp-fänger eingeordnet. Dem ganzen Werke voran geht die Zuschrift an denKönig, an Ludwig den Deutschen, als den obersten Herrn des Dichters. Sieist, wie auch die beiden andern Widmungen in deutscher Sprache, sehr kunst-voll gebaut, 4 ) indem jeweils die Anfangsbuchstaben der ungeraden Zeilen

*) A. L. Plumhoff, Beiträgezu den QuellenOtfrids, Kieler Diss., Bitterfeld 1898, und Fort-setzungen in der Z.f. d. Phil. 31, 464496.32,12-35; dazu aber Steinmeyer, Berliner Jahres-bericht 1899 S. 6769; Georg Loeck, DieHomiliensammlung des Paulus Diaconus die

Vorbilder Otfrids, Z. f. d. A. 29, 342347; C.Marold, Otfrids Beziehungen zu den bibli-schen Dichtungen des Juvencus, Sedulius,Arator, Germania 32,384411; Schönbach,Z. f. d. A. 39, 381 f.; Konr. Zacher, Otfrid undLucrez, Z. f. d. Phil. 29, 531533.

unmittelbare Vorlage des Otfridischen Evan- i 3 ) Schönbach, Z. f. d. A. 39,369 ff

gelienbuchs, Diss. Kiel 1890 (sucht die Pre-digten des Paulus Diaconus als einzige Quellenachzuweisen).

2 ) W. Olsen, Arator und Prudentius als

4 ) In der lateinischen Dichtung waren zuOtfrids Zeit Verskünsteleien beliebt, OtfridsLehrer Hrabanus Maurus war darin geradezuein Virtuos (Schönbach, Z. f. d. A. 40,116 ff.).