180 n. Die Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
des Himmelreichs enthalten. Buch III und IV haben eigene Vorreden mitAnrufung Gottes und gehen aus mit einem 'moraliter' und dem Gedankenan das Himmelreich bezw. mit der Freude über die Erlösung durch ChristiTod (III, 26. IV, 37). Kunstvoll geschmückt mit sechs Refrän ist das ersteKapitel des V. Buches, erhaben ist dessen Abschluß und damit der Ausgangdes ganzen Werkes: in vier Kapiteln, Kap. 19—22 (Kap. 19 mit fünf Refrän),wird das Ende aller Menschheitsgeschichte, das Weltgericht, dargestellt, dereigentliche Schluß ist dann in die drei letzten Kapitel, 23. 24 und 25, verlegt.Kunst der Sprache und äußere/ Form (zweifache Kehrreime) sind vereinigt,um den Inhalt des 23. Kapitels {De qualitate caelestis regni et inaequalitateterreni), das Elend des irdischen und die Herrlichkeit des himmlischenReiches, diesen didaktischen Grundgedanken der Askese, kräftig auszumalen.Nach kurzer Oratio (Kap. 24) folgt mit persönlichem Inhalt das letzte Kapitel 25,Conclusio voluminis totlas: der Dichter gedenkt seiner Freunde, auf derenVeranlassung er einst das Werk begonnen; was Gutes an seinem Unternehmenist, schreibt er Gott zu, die Mängel sind seine Schuld, mögen die Leser inihrem Urteil gerecht sein. Dieses Hervorkehren der Persönlichkeit und diePolemik gegen die Kritiker wirken nun freilich matt, aber die letzten Wortetönen aus in den erhabenen Gedanken, in dem das ganze Werk unternommenist: Ruhm sei Christus auf Erden und im Himmel und im Höllengrunde, inewigem Lobgesang der Engel und der Menschen.
Die Quellen. Otfrid folgt der Vulgata, aber er hat nur einen Teil derEvangelien übersetzt, wie er selbst in der Widmung an Liutbert (ErdmannS. 4 Z. 23) sowie im Anfangs- und im Schlußkapitel seines Werkes (I, 1, 113.V, 25,10: evangelwno dell) angibt. Die Auswahl hat er getroffen nach demin den Lektionarien enthaltenen kirchlichen Perikopensystem (das sind diefür die Predigt vorgeschriebenen Bibeltexte). 1 ) Meistens widmet er je einerPerikope auch ein Kapitel, doch manchmal auch zwei, ja selbst drei; dasUmgekehrte, daß zwei Perikopen in einem Kapitel behandelt werden, istselten. Der Inhalt eines Kapitels ist oft mit Worten aus dem Anfang derPerikope in der lateinischen Überschrift angegeben. Die Perikopen sind denvier Evangelien entnommen.
Außer der Vulgata hat Otfrid noch erläuternde Schriften zur Bibel be-nutzt, besonders für die eingeschobenen mystischen und moralischen Be-trachtungen, und zwar die angesehensten Bibelkommentare 2 ) der Zeit, diegleichen wie der Helianddichter, also besonders den des Hrabanus Maurusfür Matthäus, 8 ) des Beda für Lucas, des Alcuin für Johannes. Bekanntschaftzeigt er auch mit andern Kirchengelehrten, mit Augustin, Hieronymus, Gregordem Großen, den Predigten Haimos von Halberstadt und hauptsächlich desPaulus Diaconus. Möglich ist indessen, daß er die mühsame und gelehrte
0 Schönbach, Z. f. d. A. 38, 209 ff.2 ) Schönbach, Z. f. d. A. 38,209 ff. 336 ff.39,57 ff. 369 ff.; derselbe, Über einige Evan-
gelienkommentare des Mittelalters, Wiener SB.146 (1903), H. 4 S. 79 ff.
3 ) Hablitzel, Hrabanus Maurus S. 21—70.