178 II- D>e Literatur von der Mitte des achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts.
Zwischen die einzelnen Kapitel der Erzählung sind Abschnitte be-trachtenden oder moralisierenden Inhalts eingeschaltet 1 ) und Otfrid selbsterwähnt, ebenfalls in seinem Schreiben an Liutbert (Erdmann S. 4 Z. 22 ff.),diesen Unterschied zwischen erzählenden und didaktischen Teilen. Sietreten, mit Ausnahme von drei Fällen im ersten Buch (1, 11,55. 12, 25. 17, 67)immer als selbständige Kapitel auf. Sie sind überschrieben spiritaliteroder mystice oder moraliter. Die spiritaliter oder mystice bezeichnetenStücke geben eine symbolische oder allegorische Auslegung der vorher-gehenden biblischen Erzählung, die unter moraliter ziehen eine Lehre ausdem vorher Erzählten, z. B. das „mystice", das auf die Geschichte derdrei Weisen aus dem Morgenland folgt (Buch I Kap. 18), deutet die Heimreisein ihr eigenes Land als den Weg, den die Menschen aus der irdischenVerbannuug machen sollen in ihre himmlische Heimat; das „moraliter",das sich an Christi Taufe anschließt (Buch I Kap. 26) fordert uns auf, daß wiran die Taufe glauben und Gott dienen. Doch ist keine strenge Trennungzwischen den beiden Auslegungsarten eingehalten, die allegorischen Er-klärungen {spiritaliter und mystice) dienen auch oft zugleich zur Ermahnung.So ist mit der spirituellen Erläuterung des Heimwegs der Magier zugleichdie Mahnung gegeben (Manöt unsih thisu fart I, 18,1) zur Weltflucht unddie Lehre, wie man jenes Land, das Paradies, erlangen kann.
Mit diesen allegorischen und moralischen Anhängen an die Erzählunghat Otfrid die für die Erklärung der heiligen Schrift so wichtige Methode derdreifachen Auslegung angewendet. Was zunächst das Alte, aber auchdas Neue Testament darstellt, das hat in der Bibelexegese nicht nur denbuchstäblichen Sinn des äußern, historischen Vorgangs (historische Aus-legung, ad literam), sondern noch eine darunter liegende tiefere Bedeutungallgemeiner Glaubenswahrheiten (symbolische oder allegorische Auslegung,ad allegoriam, bei Otfrid spiritaliter oder mystice) und außerdem gibt unsder Bibeltext zugleich ein Vorbild, eine Lehre für unser sittliches Verhalten(tropologische Auslegung, ad moralitatem, moraliter).
Otfrid hat den Text nicht in der Reihenfolge der evangelischen Ge-schichte abgefaßt. 2 ) Die Anfangs- und Schlußteile hat er nach den Evan-gelien vollständig behandelt (Ad Liutbertum, Erdmann S. 5 Z. 28 ff.), in derMitte aber hat er, um das Werk nicht zu sehr anzuschwellen, manchesweggelassen. Diese mittleren Teile hat er zuletzt herausgegeben. WelcheKapitel es sind, sagt er nicht, es werden jedoch nicht sehr viele gewesensein. Man kann aber auch aus der Sprache und der Metrik ältere Teileerkennen. Man sieht da, wie er die Technik noch nicht beherrscht, wie esihm Schwierigkeit macht, den Gedankenstoff in die Form, in Reim und
1 ) Seemüller, Abhandlungen zur ger-manischen Philologie, Festgabe für Heinzel,S. 283 f.
2 ) Lachmann, Kl. Sehr. S. 450; L.Tesch,
Zur Entstehungsgeschichte des Evangelien-buches von Otfrid, 1. Teil, Diss. Greifswald1890, dazu Erdmann, Z. f. d. Phil. 24,120 bis122; Kögel, LG. 2,19 f.