B. Die Literaturdenkmäler. 1. Poetische Denkmäler. §31. Otfrid. 177
gestellte Damen wären mit solenneren Titulaturen ausgezeichnet worden. Diematrona war wohl eine Frau, die geistliche Gelübde abgelegt hat.
Der Grund, weshalb die Brüder und die Matrone Otfrid zu seinemWerke aufforderten, war, wie er weiter fortfährt: es habe der Klang eitlerDinge und der anstößige Gesang der Laien bei sehr bewährten und heiligenMännern Ärgernis erregt; der Vortrag der evangelischen Geschichte sollteden Gesang der weltlichen Stimmen verdrängen. Der weltliche Gesangsind die nationalen Heldenlieder, sie sollten unterdrückt werden durch eineneue, christliche Epik; an Stelle der Lieblinge des Volkes, seiner Helden-könige Siegfrid, Dietrich von Bern, deren Taten zu Krieg und irdischemRuhm begeisterten, trat Jesus der Sohn Gottes, der in seiner Lehre der Demutund Erniedrigung das Himmelreich der Zukunft verheißt. Damit ist OtfridsGedicht ein Glied jener Bestrebungen der fränkischen Kirche, das heidnischgermanische Volksbewußtsein auszurotten und an seine Stelle ein romanischchristliches zu setzen. Dieses ist zwar gegen das Volkstum gerichtet, aber-es ist nicht unpatriotisch. Denn jene, die Otfrid um eine deutsche Evan-geliengeschichte baten, fügten noch als weiteren Grund hinzu: es sollten auchdie Franken in ihrer eigenen Sprache teilhaftig werden des herrlich strahlendenGlanzes der göttlichen Worte (vgl. auch 1, 1, 33 ff., bes. 57 f.). Was konnte aucheinem Geistlichen, einem Mönche, dem das höchste Heil seines Volkes amHerzen lag, wichtiger erscheinen, als das Weltliche — und als solches galt ihmdie heimische Dichtung — zu tilgen, um ihm das Ewige zu verkündigen?
Der Name, den Otfrid selbst seinem Werke beilegte, ist Über Evan-geliomm, also Evangelienbuch, denn die Überschrift vor dem ersten Buchlautet: Incipit Über Evangeliomm Domini gratia theotisce conscriptus{in deutscher Sprache geschrieben). Die Benennung entnahm er möglicher-weise der 'Liber evangeliorum' überschriebenen evangelischen Geschichtedes Juvencus. 1 ) Evangelienharmonie wird das Werk in der Literaturgeschichtegenannt, weil es eine harmonische Zusammenarbeitung aller vier Evangelienzu einer Geschichte Jesu ist. 2 ) Die Betitelung Grafts 'Krist' ist aufgegeben.
Das Werk zerfällt in fünf Bücher, auf welche sich der Inhalt der evan-gelischen Geschichte folgendermaßen verteilt: Buch I (28 Kapitel) enthältdie Geburt Christi und die weiteren Ereignisse bis zur Taufe; Buch II(24 Kapitel) und Buch III (26 Kapitel) erzählen die Lehren und WunderJesu; Buch IV (37 Kapitel) enthält die letzten Ereignisse und die Leidens-geschichte; Buch V (25 Kapitel) die Auferstehung und Himmelfahrt. Fürdie Einteilung in fünf Bücher, während der Evangelien doch nur vier sind,gibt er, allegorisierend, als Grund die fünf Sinne an: was wir durch dieseverfehlen, das können wir wieder gut machen durch das Lesen der heiligenSchrift (Ad Liutbertum, Erdmann S. 5 Z. 45 ff.).
») C. Marold, Germania 31,119 f.2 ) Das Wort'Evaogelienharmonie'für eineZusammenstellung des Lebens Jesu aus den
vier Evangelien wurde von Andreas Oslander(1537) aufgebracht, Realencyklopädie für pro-testantische Theologie 3 5, 653.
Deutsche Literaturgeschichte. I. 12